P. Pierre-Marie Soubeyrand, Gemeinschaft der Seligsprechung, Frankreich
(Teil 1)
(Dieser Vortrag wird vielen Lesern vielleicht bekannt vorkommen: Er wurde auf dem internationalen Treffen gehalten, das von der Gemeinschaft der Seligsprechung in Lisieux im Sommer des letzten Jahres veranstaltet wurde und ist als Audioaufnahme (simultaner Übersetzung) verfügbar. Wir bieten Ihnen nun seine Bearbeitung nach dem Originaltext in französischer Sprache in schriftlicher Form an.)
Gerade haben wir gesungen: „Jesus, dich zu lieben, ist meine Freude.“ In seinem ersten Vortrag erinnerte uns Bruder Efraim daran, dass die Liebe für Thérèse ein Spiel war, ein kindliches Spiel, das sie mit beiden Füßen von dieser Erde ins Reich brachte. Vielleicht kennen Sie die Geschichte, die der „großen“ Therese, Therese von Avila, widerfahren ist. Therese von Lisieux erlebte dasselbe. Eines Tages traf sie auf der Treppe (ich glaube, des Klosters der Fleischwerdung) das Kind Jesus und zwischen ihnen fand eine Art Liebesspiel statt. Das Kind Jesus fragte Thérèse: „Wer bist du?“ Sie antwortete: „Therese von Jesus.“ Und das Kind Jesus erwiderte sofort: „Ich bin Jesus von Therese.“ Genau in dieses Spiel der Liebe möchte uns Thérèse einführen. Es muss ein Spiel eines ganz kleinen Kindes sein. Thérèse entfaltet es für unser Jahrhundert, das von sich selbst sagt, es sei das Jahrhundert der Wissenschaft und des technischen Fortschritts. Am Ende dieses Jahrhunderts können wir die ganze Entwicklung im Bereich der Technologie beobachten, die so sehr auf den Verstand setzt, gleichzeitig jedoch können wir sorglos sagen, dass es immer irrationaler wird.
Es ist also einem Kind und vor allem einem Kind, dem das Gottesreich geöffnet ist, denn wie Jesus sagt, gehört dieses Reich den Kindern und denen, die ihnen ähnlich sind. Einem Kind wird die Fähigkeit gegeben, die Liebe zu verstehen. Durch diese Liebe, die Thérèse in Jesus erkannte, wird ihr ganzes Leben ergriffen sein. Übrigens wählt oder nimmt sie selbst den Namen Therese vom Kind Jesus – genau diesen Namen. Doch dürfen wir den zweiten Teil nicht vergessen: und vom heiligen Antlitz. Wir werden jedoch sehen, dass dieses zweite Geheimnis – das erniedrigte heilige Antlitz Jesu – nur als Kind erfahren werden kann.
Auch wenn sie aus tiefstem Herzen danach strebt, den Beispielen des Heldentums, das von Anfang an in der Kirche aufgetreten ist – es geht vor allem um die Märtyrer – ähnlich zu werden, hat sie nichts von den großen Helden. Sie fühlt, dass sie vor diesen großen Asketen und Märtyrern klein ist, und sie sieht sie als Gipfel, die in den Wolken verschwinden. Thérèse wird leben wie ein ganz kleines, wie ein Kind im Bild des Kindes Jesus, ganz eingetaucht in die Liebe, in die Gegenwart Gottes, der Liebe.
Es gibt eine sehr auffällige Sache: wenn wir die Schriften von Thérèse lesen, wenn wir über ihr Leben nachdenken, sehen wir, dass Thérèse von der Liebe geprägt ist. Die Liebe verlässt sie niemals, nicht einmal in den größten Leiden – bis zu ihrem Tod. Ihr letzter Ausruf wird sein: „Mein Gott, wie liebe ich dich!“ (Vs 151; 169; 178). Dabei erlebt sie die Nacht des Glaubens, doch selbst dann hört sie nicht auf zu lieben.
Thérèse gelangt zu dem, was Paulus geschrieben hat, dass zwischen den großen Tugenden, die Glaube, Hoffnung und Liebe sind, die größte von dieser Dreifaltigkeit die ist, die ewig besteht, und das ist die Liebe. Im Mittelpunkt dieser Liebe steht nichts anderes als das Herz der Dreifaltigkeit. In Jesus findet Thérèse ihr Glück und ihre Freude, ihn so lieben zu können wie er. Sie tritt in den Karmel ein vor allem und einzig, um zu lieben. Lieben bedeutet für sie: „Seelen zu retten und für die Priester zu beten“ (AS 145).
Eine ganze Phase ihres Lebens, bevor für sie die Nacht des Glaubens, der Prüfungen und des Leidens ihrer Krankheit beginnt (diese Phase wird sie zunächst als Verlobung und dann als Hochzeit erleben, Zeit der großen Liebe, in der Jesus für sie alles wird), versucht Thérèse, für Jesus alles zu sein, damit zwischen ihnen nur Liebe steht.
Ich denke, Thérèse kann uns sehr helfen, den Kern der Botschaft des Evangeliums zu finden. Wenn uns der heilige Johannes in seinem ersten Brief sagt, dass Gott Liebe ist (1 Joh 4,8) – dann ist Gott nichts anderes als Liebe. Er ist der ständige Kreislauf der Liebe, die ständig von einer göttlichen Person zur anderen strömt und die, könnte man sagen, aus sich selbst herausgeht, um ein großes Werk der Liebe zu vollbringen. Wenn also Gott Liebe ist, dann betrifft das, was Jesus im Johannesevangelium zu uns sagt: „Wie der Vater mich geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe“ (Joh 15,9).
Die zentrale Aufgabe des christlichen Lebens ist es, in der Liebe zu bleiben, also in Gott zu verweilen, zwischen den drei göttlichen Personen wie die Jungfrau Maria, die von dem Moment ihrer Empfängnis an nie außerhalb dieses Flusses der Liebe gewesen ist. Thérèse hat es geschafft: Sie blieb auf dieser, bildlich gesprochen, Umlaufbahn der Liebe.
Thérèse wird sich bemühen, in der Liebe zu verbleiben und ihre einfachen Liebesakte mit Freude, einem Lächeln, Aufmerksamkeit, einem einfachen Bewegung oder Gestus zu vermehren, wenn sie „anstatt eines Missionars geht“ (d.h. ihr für ihn ihren Spaziergang opfert, vgl. Vs 187), wenn sie aus Liebe eine Nadel aufhebt.
Die Jungfrau Maria sagt uns in Međugorje, dass nur die Liebe erlösende Kraft hat und bis ins Königreich hinein wirkt. Selbst der kleinste Akt der Liebe, den wir tun können und den Thérèse vollbracht hat, hallt bis ans Ende der Welt. Wir können uns nicht einmal vorstellen, wie auch der kleinste Akt der Liebe wie ein Donner bis in den Himmel, ins Königreich schallt und die Engel und Heiligen bewegt, weil er seinen Ursprung im Herzen der Dreifaltigkeit hat.
Nur die Liebe wird uns retten. Das verstand Thérèse, und deshalb bemüht sie sich, in der Liebe zu bleiben und so zu lieben, wie Jesus geliebt hat. „Es genügt zu lieben“, sagte bereits Thérèse von Ávila.
Das wird ganz einfach gesagt. Wenn wir Thérèse folgen, die uns diesen kleinen Weg eröffnet hat, können wir Kinder sein, die schon von ihrem Mutterleib an nur Liebe sind und deren Bewusstsein empfindsam für die Liebe ist. Alle Bewegungen des Kindes werden Bewegungen der Liebe sein, wenn es von Liebe und Zuneigung umgeben ist. Thérèse will uns in diese einfachen Bewegungen des Kindes einführen, in ähnliche Gesten, wie sie Jesus tat, als er mit Maria und Josef in Nazareth lebte. Das ganze Leben von Thérèse, vom Zeitpunkt der Empfängnis bis zu ihrem Tod „am Kreuz“ war nichts anderes als ein Ausdruck der Liebe. In dieser göttlichen Umgebung bewegt sich Thérèse, atmet. Auch wenn sie krank und erstickt ist, atmet sie dennoch Liebe aus. Und ihr letzter Atemzug ist ein Seufzer der Liebe.
In einem ihrer Gedichte schreibt sie:
„Weh, ich bin nichts als pure Unfähigkeit,
mein Gott, du weißt gut, dass mir die Tugenden fehlen.
Du aber weißt auch, dass die einzige Liebe, die ich habe,
die dich bezaubert, du selbst bist, Jesus!
Als mein junges Herz mit diesem Feuer hell entzündet war,
mit dem die Liebe brennt – du hast darum gebeten.
Und mein Herz fand nur in dir alles
und will dich bis in alle Ewigkeit lieben.“
(B 76)
Thérèse schöpft also eine unendliche Sehnsucht nach Liebe aus dieser unendlichen Quelle der Liebe. Ich denke, der Grund, warum Thérèse so weltweit bekannt ist, liegt darin, dass sie bis zur Grenze, bis zum Himmel, bis ins unendliche Herz der Dreifaltigkeit zu lieben verstand. Sie konnte lieben wie ein ganz kleines Kind. Wie könnten wir die Liebe eines kleinen Kindes ablehnen? Zieht ein solches Kind nicht auch die hartnäckigsten Erwachsenen an? Gerade auf diese Weise zieht Thérèse die Seelen zur Liebe an – sie will nichts für sich, sondern alles für Jesus. Daher bleibt sie in dieser göttlichen Umgebung mit Jesus verbunden, will sich von göttlicher Liebe ergreifen und erfüllen lassen.
Im Karmel erkennt sie jedoch, dass in der Liebe zu bleiben auch bedeutet, die Mission anzunehmen. Eine Mission, die aus diesem Verweilen in der Liebe, dieser Kontemplation Jesu, der für sie Freude und Glück ist, überfließen wird. So geht es auch der Jungfrau Maria, die im Moment der Verkündigung erkennt, dass sich in ihrem Leben plötzlich eine neue Dimension offenbart, die sie zuvor nicht wahrgenommen hat. Von diesem Moment an muss die, die ganz Gott ist, sich durch Jesus ganz für andere, für die Welt opfern. Auf diese Weise erkennt auch Thérèse den Sinn der Bewegung der Liebe.
In dem Manuskript C schreibt sie übrigens: „In diesem Jahr, meine geliebte Mutter, hat mir Jesus die Gnade gegeben, dass ich das verstehe, was Liebe ist. Zuvor verstand ich das auch, das ist wahr, aber unvollkommen. Ich dachte nicht gründlich über diese Worte Jesu nach: ‚Das zweite Gebot ist dem ersten ähnlich: Du wirst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ Besonders habe ich versucht, Gott zu lieben, und als ich ihn liebte, verstand ich, dass meine Liebe sich nicht nur durch Worte ausdrücken darf, denn ‚nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird in das Himmelreich eingehen, sondern nur der, der den Willen meines himmlischen Vaters erfüllt.‘
„Diesen Willen ließ Jesus mehrmals erkennen, ich würde sagen, fast auf jeder Seite seines Evangeliums. Aber beim Letzten Abendmahl, als er weiß, dass die Herzen seiner Jünger glühend in inniger Liebe zu ihm brennen, die aus der Tatsache resultiert, dass er sich ihnen im unaussprechlichen Geheimnis seiner Eucharistie geschenkt hat, will dieser süße Retter ihnen ein neues Gebot geben. Er sagt ihnen mit unaussprechlicher Zärtlichkeit: ‚Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebet einander. WIE ICH EUCH GELIEBT HABE, SO SOLLT IHR EUCH UNTEREINANDER LIEBEN. An dieser Liebe werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe zueinander habt‘“ (AS 214).
Thérèse verstand etwas Grundlegendes. Das, was uns der heilige Johannes erinnert: „Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt, denn Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,8). Wenn wir die folgenden Verse des Briefes lesen, verstehen wir, dass wenn Gott uns zu seiner Liebe zieht, wenn Jesus so Thérèse ergriff, Jesus gerade so seine barmherzige, zärtliche und allmächtige Liebe den Menschen aussprechen und zeigen kann, eine Liebe, die niemals müde wird.
Die Liebe ist das, was unsere Welt erwartet. Es gibt etwas, das mich sehr anspricht. In Afrika, im Unterschied zu unseren westlichen Ländern – trotz all des Übels, das wir beobachten können, trotz aller Prüfungen, Epidemien, Krankheiten, Kriege, Hungersnöte, trotz all der Last des Bösen, der Dunkelheit, dem gegenwärtigen Aufschwung von Hexerei und allen möglichen Sekten – in den Herzen unserer afrikanischen Brüder gibt es eine gewisse Unschuld. Wenn wir ihnen die Liebe Gottes verkünden, diese Liebe, die uns entzündet hat, ebenso wie die Herzen von Thérèse entzündet hat, ist das nichts anderes als der Ruf Jesu, der nach Liebe schreit. Wie Thérèse sagt: „Als du am Kreuz riefst ‚Ich habe Durst‘, hast du nach der Liebe zu den Seelen dürstet“ (AS 97). Es ist der Durst nach Liebe.
Das haben wir auch oft bei Evangelisationen gesehen. Ich erinnere mich, dass ich während einer Evangelisation, an der mehr als zwanzigtausend Menschen (nicht zu zählen die, die in den benachbarten Gebäuden waren, noch die, die durch die umliegenden Straßen gingen) teilnahmen, gerade predigte, als der Muezzin die Muslime zum Gebet rief. Da ich wusste, dass auch viele Muslime uns zuhören, sagte ich auf Arabisch einen anderen Aufruf. „O Gott der Liebe, Vater, Sohn und Heiliger Geist, der du uns so geliebt hast, dass du deinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hast, der aus Liebe zu uns starb.“ Dieser einfache Ruf führte zur Bekehrung der Muslime.
Wenn wir lieben, können wir unseren alten Kontinent, und besonders die älteste Tochter der Kirche, unser Land, Frankreich, umkehren. Lieben! Heute versucht man uns zu überzeugen, dass wir nicht in der Lage sind zu lieben, mit einer unendlichen Liebe zu lieben. Wir müssen hinausgehen und diese Liebe verkünden, sie mit unserem ganzen Leben verkünden. Das ist es, was Thérèse bis an den Rand der Erde verkünden wollte: die Liebe Jesu zu verkünden, die die Welt so geliebt hat.
Wie Jesus selbst zu der heiligen Margarete Maria von Alacoque sagte: „Siehe auf dieses Herz, das die Menschen so geliebt hat.“
Thérèse wird diese Vollendung der Liebe erkennen, die sie zur Vollkommenheit führen wird, denn es genügt nicht zu sagen: „Herr, Herr, ich liebe dich.“ Es ist notwendig – und nehmen Sie das nicht nur als moralische Pflicht – das Feuer der Liebe zu haben, dieses brennende Feuer im Herzen von Thérèse, das sie zu Ausdrucksformen, zu Akten der Liebe, zum Verlangen führt, zu lieben, um Seelen zu retten. Bei ihr zeigen sich markante Kontraste: auf der einen Seite ein kleines Kind, eine arme Nonne – und gleichzeitig eine apostolische, martyrische Seele, und wie sie im folgenden Abschnitt selbst sagt, die Seele eines Kämpfers: „Jesus, nur du kannst meine Seele stillen, nichts anderes hier auf Erden kann mich bezaubern. Ich will dich lieben wie ein kleines Kind, ich will kämpfen wie ein tapferer Krieger.“
(Nach dem ursprünglichen französischen Text bearbeitet von Hermína Lachmanová)
Fortsetzung