Derjenige, der untätig einem Unrecht zusehen würde...

„Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, halte ihm auch die linke hin.“ Dies sind die Worte von Christus, unserem Herrn, aus seiner Bergpredigt. Sie sind nicht besonders klar oder bequem wie viele andere im Evangelium. Wir versuchen jedoch nicht wirklich, geduldig zu verstehen, und tun so, als ob sie nicht existieren, als ob sie nur zur Unterhaltung da wären. Einige missbrauchen sie. Dies sind Menschen, die denken, dass man am meisten erreicht, indem man nichts tut, seufzt und auf das Ende der Welt wartet.
Es bedarf wirklich nicht vieler Lesungen und Überlegungen, um zu erkennen, dass eine aktive Haltung zum Leben, der Glaube an die Tat, das Herzstück des Christentums ist. Alle Fähigkeiten in uns sollen dazu dienen, Gott zu lieben (…), keine noch so kleine gibt es, die wir ungenutzt lassen dürfen, keinen kleinsten Gedanken und kein geringfügigstes Wort, denn über alles müssen wir Rechenschaft ablegen. Wir müssen unsere Kräfte bis zum Ende aufbringen, wie der Körper Christi, unseres Herrn, am Kreuz, bis an die Grenzen unserer Möglichkeiten und darüber hinaus.
Es ist daher falsch zu behaupten, dass das Christentum jemals verkündet hat, man solle dem Bösen nicht widerstehen. Wer untätig bei dem Unrecht zusieht, das seinem Bruder widerfährt, zu dem er Verpflichtungen hat, und nicht alle seine Mittel, all seine Kräfte einsetzt, um ihm zu helfen, der hat gegen das grundlegende Gebot unseres Glaubens gesündigt.

Der oben zitierte Abschnitt stammt von dem Jesuiten Adolf Kajpr, einem Priester, der sich der nationalsozialistischen Aggression (und später dem Aufstieg der Kommunisten) als Journalist und Redakteur mehrerer Zeitschriften öffentlich entgegenstellte. Seine Texte, in denen er die täglichen liturgischen Lesungen mit der aktuellen Situation verband, waren nicht nur eine Stütze für die Prager Pfarrgemeinde St. Ignatius, sondern auch für die breite Öffentlichkeit. Für die „Veröffentlichung aufhetzerischer Artikel“ wurde er im März 1941 von deutschen Besatzern verhaftet, überlebte das Gefängnis Pankrac, die Konzentrationslager in Theresienstadt, Mauthausen und Dachau. Nach seiner Rückkehr in die Heimat brachte ihm die nachkriegszeitliche journalistische Tätigkeit dasselbe Vorwurf erneut, diesmal vom kommunistischen Regime. Er wurde erneut im Pankrac-Gefängnis eingesperrt, es folgten Mírov, Valdice und Leopoldov, aus dem er lebend nicht zurückkehrte… Derzeit findet in Rom die zweite Phase seines Seligsprechungsprozesses statt.

(Adolf Kajpr SJ /1902–1959/; Auszug aus dem Aufsatz „Die linke Wange anbieten“,
veröffentlicht in „Gesandter des Göttlichen Herzens des Herrn“, 1940;
zitiert und bearbeitet nach dem Buch „Gegenwart ist Gottes eigene Zeit“. Refugium 2021)