Vladimíra Polišenská
Am 14. September feiern wir das Fest der Erhöhung des heiligen Kreuzes. An diesem Tag erneuern die schlichten Karmelitinnen ihre Ordensgelübde. Der folgende Text wurde zu diesem Anlass von der heiligen Tereza Benedikta vom Kreuz verfasst. Es lohnt sich, ihm einen Moment der Aufmerksamkeit zu schenken, und zwar nicht nur als einem Text, der über das Kreuz als Zeichen des Heils und der Hoffnung spricht. Auch die Umstände seiner Entstehung sind von Bedeutung. Tereza Benedikta, mit bürgerlichem Namen Edith Stein, war jüdischer Herkunft und konvertierte im Erwachsenenalter zum Christentum. Im Jahr 1933, als sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr in der akademischen Welt arbeiten durfte, trat sie in das Kloster der schlichten Karmelitinnen in Köln ein. Dort blieb sie, bis sie aufgrund der nationalsozialistischen Verfolgung Ende 1938 gezwungen war, sich in das Kloster im holländischen Echt zurückzuziehen.
Die heilige Edith Stein verfolgte mit großer Anteilnahme die schmerzliche Prüfung ihres Volkes. Offensichtlich inspirierte sie das, zusammen mit der Lehre des heiligen Johannes vom Kreuz, zu tiefen Betrachtungen über das Leiden und das Kreuz Christi. Bis heute kann man im holländischen Kloster das Bild des gekreuzigten Christus betrachten, vor dem sie oft im Gebet verweilte. Am 1. September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus. Zwei Wochen später, als Schwester Tereza Benedikta ein geistliches Wort für ihre Schwestern zu dem Fest der Erhöhung des heiligen Kreuzes vorbereitete, war sie sich der Bedeutung der Erneuerung der Ordensgelübde voll bewusst, welche Folgen die vollkommene und bedingungslose Annahme des Kreuzes Christi mit sich bringen könnte. Am 2. August 1942, als die Angehörigen der Gestapo kamen, um sie und ihre Schwester Rosa zu verhaften und in das Sammellager Westerbork und anschließend nach Auschwitz zu schicken, war sie innerlich bereit, ihren eigenen Kreuzweg zu beschreiten.
Auch wenn wir als Laien keine Ordensgelübde ablegen, können wir dennoch an die Worte der heiligen Edith Stein denken, beispielsweise wenn wir unser Taufgelübde erneuern. Über die Bedeutung des Kreuzes und darüber nachzudenken, welchen Platz es in unserem eigenen Leben hat, und wie unsere Antwort auf den fragenden Blick des Gekreuzigten aussieht, können wir jedoch jederzeit tun. Vielleicht gerade anlässlich des Festes der Erhöhung des heiligen Kreuzes.
Ave Crux, Spes unica!
14. September 1939
„Sei gegrüßt, heiliges Kreuz, unsere einzige Hoffnung!“
Diese Worte legt uns die Kirche in den Mund, wenn wir über das bittere Leiden unseres Herrn, Jesus Christus, nachdenken.1 Jetzt, da sich das liturgische Jahr dem Ende neigt, steht das Kreuz vor uns, dass wir unseren Blick wieder darauf richten, bis zu dem Tag, an dem uns mit dem neuen österlichen Halleluja für einen Moment erlaubt wird, die Erde zu vergessen und uns an der Hochzeit des Lammes zu erfreuen.
Unser heiliger Orden fordert uns auf, mit dem Fest der Erhöhung des heiligen Kreuzes die Fastenzeit zu beginnen,2 und führt uns zu den Füßen des Kreuzes zur Erneuerung unserer heiligen Gelübde. Der gekreuzigte Christus schaut uns an und fragt, ob wir immer noch halten wollen, was wir ihm in der Gnadenstunde versprochen haben. Heute, mehr denn je, ist das Kreuz zum Zeichen des Widerstands geworden. Die Anhänger des Antichristen entwerten und beleidigen das Kreuz und versuchen mit allen Kräften, es den Herzen der Christen zu entreißen. Und oft gelingt es ihnen sogar bei uns, die wir einst versprochen haben, Christus zu folgen und sein Kreuz auf uns genommen haben. Deshalb untersucht uns heute der Erlöser und wendet sich an jede von uns mit der Frage: Willst du Treue gegenüber dem Gekreuzigten bewahren? Überlege dir das gut!
Die Welt brennt, der Kampf zwischen Christus und dem Antichristen ist offen ausgebrochen. Deshalb, wenn du dich für Christus entscheidest, kann es dich das Leben kosten. Überlege gut, was du versprochen hast. Auszusprechen und die Gelübde zu erneuern ist eine äußerst ernsthafte Angelegenheit.
Der Retter hängt vor dir am Kreuz, denn er wurde gehorsam bis zum Tod am Kreuz.3 Er kam, um den Willen des Vaters zu erfüllen, nicht seinen eigenen.4 Der Erlöser hängt am Kreuz, entblößt, nackt, weil er sich für Armut entschieden hat. Der Erlöser steht vor dir mit einem durchbohrten Herzen. Er hat das Blut seines Herzens vergossen, um deines zu gewinnen. Wenn du ihm auf dem Weg der Reinheit folgen möchtest, dann sei der gekreuzigte Christus das einzige Objekt deines Verlangens, deiner Wünsche und Gedanken. Fürchtest du dich vor der Größe dessen, was die heiligen Gelübde von dir verlangen? Du musst dich vor nichts fürchten. Das, was du versprochen hast, übersteigt deine menschliche Kraft. Es übersteigt jedoch nicht die Kraft des Allmächtigen, die zu deiner wird, wenn du dich ihm mit Vertrauen übergibst, wenn er dein Gelübde der Treue annimmt. Er tat dies am Tag deiner Profess und will es auch heute tun. Das liebevolle Herz deines Erlösers lädt dich ein, ihm zu folgen. Die Arme des Gekreuzigten sind weit geöffnet, bereit, dich an sein Herz zu drücken. Er verlangt dein Leben, um dir sein eigenes zu geben. Ave Crux, Spes unica!
Die Welt brennt. Das Feuer kann auch unser Haus erfassen. Über allen Flammen jedoch ist das Kreuz emporgehoben. Sie können es nicht verschlingen, denn es ist der Weg von der Erde zum Himmel. Diejenigen, die es mit Glauben, Liebe und Hoffnung umarmen, wird es in den Schoß der Dreifaltigkeit tragen.
Die Welt brennt. Willst du sie löschen? Sieh auf den Gekreuzigten! Aus dem durchbohrten Herzen strömt das Blut des Erlösers. Es löscht die Flammen der Hölle. Befreie dein Herz durch die treue Erfüllung deiner Gelübde, dann wird der Strom der göttlichen Liebe dein Herz überfluten, sodass es überfließt und Früchte bis an die Enden der Erde bringt. Hörst du das Weinen der Verwundeten auf den Schlachtfeldern des Ostens und Westens? Hörst du den ängstlichen Schrei der Sterbenden? Fühlt dich der Weinen der Witwen und der verwaisten Kinder? Sieh auf den Gekreuzigten. Du bist mit ihm verbunden. Seine barmherzige Liebe wird dich überall hintragen, in der Kraft des Kreuzes kannst du an allen Kriegsfronten, an allen Orten des Schmerzes anwesend sein. Die Liebe des göttlichen Herzens taucht alles in sein kostbares Blut, das beruhigt, Heil und Erlösung bringt.
Die Augen des Gekreuzigten blicken forschend auf dich und fragen dich. Willst du dich wieder mit Ernst an deinen Bund mit dem Gekreuzigten binden? Was antwortest du ihm? „Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast die Worte ewigen Lebens.“5 Ave Crux, Spes unica!
(Ich bitte die anspruchsvollsten Leser um Entschuldigung, dass ich den Text von Edith Stein nicht in Vollständigkeit angebe, sondern gekürzt und ausgewählt, und dass ich als Italienisch-Übersetzer aus dieser Sprache – aus der italienischen Übersetzung, veröffentlicht in der Anthologie Edith Stein: Nel Castello dell’Anima, pagine spirituali; übersetzt von Cristiana Dobner; Edizioni OCD, Rom 2004. Den ursprünglichen deutschen Text finden Sie im Gesamtausgabe der Werke von Edith Stein: in der älteren Ausgabe: ESW XI (Freiburg/Basel/Wien 1987), S. 124–126, in der neuen Ausgabe: ESGA 20 (Freiburg/Basel/Wien 2007), S. 118–122.)