Sv. Rafael von sv. Josef

Die Karmeliterinnen des Kindes Jesus

Biografie

Heiliger Rafael wurde im litauischen Wilna (Vilnius) im September 1835 geboren (Litauen gehörte damals zu Russland). Sein gebürtiger Name ist Josef Kalinowski. Zwei Monate nach seiner Geburt starb seine Mutter. Der Vater heiratete erneut und nahm ihre Schwester Viktoria zur Frau. Er war Gymnasialprofessor. Josef stammte schließlich aus einer Familie mit neun Kindern. Im Juni 1845 empfing er zum ersten Mal die heilige Kommunion. Zu dieser Zeit starb seine zweite Mutter, die ihm eine große Liebe zu Gott vermittelte. Josef begann an dem Adelsinstitut in Wilna zu studieren. Nach Abschluss seines Studiums im Jahr 1852 ging er nach St. Petersburg und begann an der Nikolaus-Akademie für Verkehrstechnik zu studieren. Danach trat er in den Zivildienst ein. In dieser Zeit betete Josef selten und besuchte Kirchen. Dies bereitete seiner dritten Mutter große Schmerzen, die wie die heilige Monika für ihren Sohn Augustinus beharrlich für ihn betete. Gott verließ ihn auch in dieser Zeit nicht: Er sandte ihm einen Mitbewohner, der ihm oft ein Gebetsbuch anbot, durch das Josef seine Beziehung zur Heiligen Maria wiederfand.

Im September 1861 brach in Warschau ein antirussischer Aufstand aus. Josef Kalinowski, der während seines gesamten Lebens engen Kontakt zu seiner Familie pflegte, kehrte damals nach Wilna zurück. Er gab seinen Rang als Kapitän auf und trat in den Dienst seines Volkes. Er leitete den Aufstand in Litauen. Bald erfuhr er, dass seine Freunde inhaftiert worden waren. Das bewegte ihn dazu, nach vielen Jahren die Beichte abzulegen und regelmäßig zur heiligen Messe zu gehen.

Dies war die Zeit seiner Bekehrung, als er wieder Frieden und Vertrauen zu Gott fand. Auch als er verhaftet wurde, sagten die Soldaten, die ihn bewachten, und seine Mithäftlinge, dass er heilig sei. Er wurde zum Tode verurteilt, aber seine Familie erreichte eine Umwandlung des Urteils. Er musste jedoch nach Sibirien ausreisen und verbrachte dort neun Jahre. Unter anderen war auch sein Bruder Gabriel dort. Selbst unter den schweren Bedingungen dort teilte Josef sein Geld mit den Bedürftigen. Außerdem unterrichtete er die Kinder aus den Familien anderer Verurteilten. Nach der Amnestie kehrte er zurück nach Wilna. Zu diesem Zeitpunkt dachte er bereits über den Eintritt in ein Kloster nach. Damals erwog er, zu den Kapuzinern zu gehen. Er hatte sich jedoch vorgenommen, noch zwei Jahre als Erzieher zu arbeiten, um seiner Familie zumindest teilweise bei der Rückerstattung der finanziellen Ausgaben zu helfen, die mit seiner vorherigen Inhaftierung verbunden waren. Er nahm das Angebot des Fürsten Władysław Czartoryski an und ging nach Paris, wo er Erzieher seines Sohnes August war.

Alter des hl. Rafael in Czerná,
in dem sein Körper begraben ist

Durch einen Zufall – oder besser gesagt: durch den Willen Gottes – traf Josef auf Schwester Maria Xavera von Jesus, die Tante des jungen Prinzen August, die nach dem Tod ihres Mannes in das Kloster der barfüßigen Karmeliter in Krakau eintrat. Zu dieser Zeit leidete der Orden der barfüßigen Karmeliten in Polen und hatte keine neuen Berufungen. Diese Frau sah damals in Josef die Hoffnung auf die Erneuerung des polnischen Karmel.

Und so geschah es auch. Nach einigen Monaten trat Josef in das Kloster der barfüßigen Karmeliten ein und legte am 26. November 1877 die Ordensgelübde ab. Er nahm den neuen Namen Bruder Rafael von St. Josef an. Heiliger Rafael von St. Josef wurde zum Erneuerer des barfüßigen Karmels in Polen. Er wirkte durch sein persönliches Beispiel, durch den Dienst der Predigt, der Beichte und der geistlichen Leitung. Er wurde mehrmals zum Prior des Klosters in Czerná bei Krakau am Wallfahrtsort der Muttergottes vom Karmel gewählt. Er war auch Prior in Wadowice, wo er ein Unterseminar gründete.

Nach langem Krankheitsleid starb er am 15. November 1907 in Wadowice und wurde im Kloster in Czerná beigesetzt. Heute werden seine Reliquien in der Seitenkapelle der dortigen Kirche aufbewahrt. Im Jahr 1983 wurde er seliggesprochen und 1991 erklärte Papst Johannes Paul II. ihn heilig. Sein Gedenktag wird am 19. November gefeiert.

Spirituelles Erbe

Der hl. Rafael wurde schon in der Kindheit zur Verantwortung, zum Glauben und zur Marienverehrung sowie zur Liebe zum Vaterland erzogen. Als er später Soldat wurde, spiegelte sich sein militärischer Beruf auch in seinem geistlichen Leben wider. Er suchte ehrlich nach der Wahrheit, und obwohl er sich eine Zeit lang vom Praktizieren des katholischen Glaubens entfernte und sich dem weltlichen Leben widmete, fühlte er in sich eine unerfüllte Sehnsucht. Aus St. Petersburg schrieb er damals an seinen Bruder Gabriel:

„Ich versuche mich anders abzulenken und gebe mich den Nichtigkeiten dieser Welt hin, in denen ich nach Heilung suche. Aber auf diese Weise habe ich nicht viel inneren Frieden gewinnen können; ... ich suche den Geist, finde aber Materie.“

Sein Sinne für Disziplin kam während seines Aufenthaltes im Gefängnis zum Tragen. Er stellte sich selbst eine Tagesordnung auf, einschließlich Zeit für das Gebet, und hielt sich treu daran. Trotz des ergangenen Todesurteils (dem er nur entkommen war, weil der damalige Gouverneur der Stadt Wilna ihn nicht zum öffentlichen Märtyrer machen wollte) war er ein Friedensstifter. In einem Brief, den er von seiner Reise nach Sibirien an seine nächsten Angehörigen schrieb, äußerte er sich:/p>

„Ich bitte euch inständig, macht euch keine Sorgen um mich, mein Wesen hat sich nicht verändert. In der Gebet bin ich immer mit euch verbunden. Ich konnte mich nie der Freude rühmen, jetzt auch nicht, aber Gott gibt mir inneren Frieden: mit seiner Gnade ertrage ich alles und betrachte meinen gegenwärtigen Zustand als Buße für meine schweren Sünden.“

Er war ein Mensch des Gebets. Das Gebet war für ihn das Wesentlichste. Man sagte über ihn, dass er eher als Bischof als als Offizier geeignet sei.

„Abgesehen vom Gebet habe ich nichts, was ich dem Herrn Gott opfern könnte: Ich kann es als mein einziges Geschenk betrachten. Fasten kann ich nicht, Almosen kann ich nicht viel geben, und ich habe keine Kraft zur Arbeit. Es bleibt mir nur zu leiden und zu beten. Größere Schätze hatte ich jedoch nie und ich will sie auch nicht.“

Ähnlich schrieb er später:

„Die Welt kann mich völlig aller Dinge berauben, aber eine Zuflucht bleibt ihm immer unzugänglich: das Gebet! In ihm kann man in der Hoffnung die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft zusammenfassen.“

Auch später im Kloster nannten ihn seine Mitbrüder „gehendes Gebet“. Die Kraft für das geistliche Leben schöpfte er aus den Sakramenten. Die Eucharistie nannte er die Erfindung der göttlichen Liebe. In Sibirien bereitete er Kinder zur ersten heiligen Kommunion vor. Er war so gewissenhaft darin, dass er wegen dessen seine Abreise aus Sibirien nach Litauen bei einer teilweisen Amnestie verschob. Eines Tages vertraute er seinen lieben Angehörigen an:

„Ich muss gestehen, dass ich, wenn ich mich dem Herrn Jesus in der heiligsten Eucharistie knie, die Quelle der Geduld, der Ausdauer, der Kraft und des Trostes gefunden habe. Wenn ich es in einem Wort sagen darf – es ist fons vitae, die Quelle des Lebens. Ohne dieses Geheimnis der Liebe, das uns der Erlöser in der Kirche hinterlassen hat, wäre ich längst ertrunken!“

Diejenigen, die mit ihm gefangen waren, bewunderten ihn. Wenn es nötig war, nahm er die Strafen anderer auf sich. Auch bei seiner Selbstdisziplin war er menschlich und aufrichtig tolerant gegenüber den Meinungen anderer. In Sibirien beteten seine Mithäftlinge: „Durch die Fürsprache und Verdienste von Josef Kalinowski, rette uns, Herr.“ Der bekannte polnische Professor Dybowski, der mit ihm im Exil war, erinnerte sich an ihn mit den Worten:

„... Seine engelhafte Toleranz, seine Liebe zu den Menschen, sein Verständnis, seine Achtung vor anderen Meinungen usw. machten ihn zu einem außergewöhnlichen Menschen, wie wir ihn heutzutage nicht mehr häufig antreffen...“

In den schweren Bedingungen des Exils zeigte sich besonders seine große Liebe zu den Nächsten. Er hielt sich an das Prinzip:

„Moralische Werte stehen über den materiellen; das Wohl des Nächsten über dem eigenen.“

In einem Brief bat er seine Familie um finanzielle Unterstützung mit der Begründung:

„Bei uns findet man einen Groschen viel leichter als in Sibirien, und hier gleichgültig zu bleiben ist unmöglich,“

und sofort, als diese Hilfe eintraf, verteilte er alles an die Bedürftigen. Einmal wollte er seinem Vater Freude machen, ihm eine Schachtel grünen Tees zu kaufen und zu schicken, den er sehr gerne hatte. Auf dem Weg zum Geschäft jedoch traf er einen armen Exilanten aus Litauen, der am Verhungern war. Seiner Familie erklärte Josef dann:

„Ich habe euer Vergnügen und meine Selbstliebe geopfert und den Betrag für den Tee diesem wahren Lazarus gewidmet, in der Annahme, dass Gott die Macht hat, euch viel mehr mit einem belebenden Getränk aus der Quelle seiner Gnade zu erfrischen und dass er unser kleines Opfer annimmt.“

Er wusste, wie man sogar von den Letzten teilen konnte. Der hl. Rafael war ein Mensch der Versöhnung und Einheit. Es bedrückte ihn sehr, dass es eine Spaltung zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche gab, und er betete eifrig für die Bekehrung Moskaus. In der Jungfrau Maria und in der lebendigen Verehrung ihr – wie in der katholischen als auch in der orthodoxen Kirche – sah er eine Art „Brücke“ zur Einheit. Und er war innerlich überzeugt, dass der Karmel der Orden ist, durch den diese Einheit verwirklicht werden sollte. Daher sandte er viele Skapuliere nach Rumänien und Russland und verbreitete dort die Verehrung der Muttergottes vom Karmel.

Er hatte ein besonderes Charisma für das Beichten und die geistliche Leitung, verbrachte lange Stunden im Beichtstuhl. Während seiner Zeit in Czerná füllte sich die Kirche mit Gläubigen, und die Leute begannen häufiger zu beichten. Er hatte die Gabe, den Frieden der Herzen auch den Menschen zurückzugeben, die von Ängsten und Sorgen geplagt wurden.

Ein einfaches Zeugnis ist zum Beispiel das folgende:

Ein Mädchen aus einem Dorf nahe Wadowice war von der freudigen Stimmung überrascht, mit der ihre Eltern aus der Kirche zurückkamen. Auf ihre Nachfrage, was die Ursache sei, antwortete die Mutter: „Heute haben wir einen großen Heiligen getroffen und es war uns vergönnt, uns bei ihm zu beichten.“