Hl. Bernard z Clairvaux
Schon seit längerem hat mich dieser Text des hl. Bernard (um 1090–1153) fasziniert. Ich finde, er passt aus mehreren Gründen in diese Ausgabe der Zeitschrift. Er sollte zur Advents- und Weihnachtszeit veröffentlicht werden (leider!), aber auch – was auch jetzt gilt – sind Bernards Worte zum Hohelied (Cant. 85,12–13) eine geeignete Ergänzung zu dem Artikel von Paul Menting, und zudem: der abschließende Satz Bernards stimmt überein mit dem, was Kees Waajiman in seinem Kommentar zu der Regel sagt: Unsere Erfahrung der Gabe der Kontemplation dauert in der Regel nur kurz.
Und noch ein paar Worte für diejenigen, die vielleicht zum ersten Mal mit einem solchen Text konfrontiert werden: Nach dem Vorbild des Hohelieds wird hier die Beziehung zwischen dem gläubigen Menschen (der Seele) und Christus bildlich mit der Ehe verglichen. Der Ausdruck „Wort“ bezeichnet hier immer Christus, das fleischgewordene Wort Gottes, den Geliebten. Und für die Fleißigsten: die Stellen aus der Heiligen Schrift, die hl. Bernard zitiert oder auf die er anspielt:
Phil 1,21; Spr 31,11; Phil 3,8; Apg 9,15; Gal 4,19.
Wenn du also die Seele siehst,
die alles aufgegeben hat, um mit alledem, was sie sich wünscht, am Wort festzuhalten,
um für das Wort zu leben, sich vom Wort leiten zu lassen
und vom Wort immer zu beginnen, was das Wort gebären wird,
eine Seele, die sagen kann: „Mein Leben ist Christus und der Tod ist mir Gewinn,“
dann kannst du sie als Braut betrachten, die dem Wort angetraut ist.
Es gilt für sie: „Das Herz ihres Mannes verlässt sich auf sie“;
er weiß, dass sie treu ist,
dass sie außer ihm nichts schätzt,
dass sie alles für wertlos hält, um ihn zu gewinnen.
So hat der Herr Paulus anerkannt, von dem er sagte: „Er ist mir ein auserwähltes Gefäß.“
Und Pauls Seele war tatsächlich eine freundliche Mutter, treu ihrem Mann,
wie seine Worte zeigen: „Meine Kinder, ich gebäre euch erneut in Schmerz,
bis ihr das Bild Christi annehmt.“
Und doch, achte darauf, dass es in der geistlichen Ehe zwei Arten von Geburten gibt,
und daher auch unterschiedliche (wenn auch nicht gegensätzliche) Nachkommenschaften:
(Diese) heiligen Mütter „gebären“ Seelen, wenn sie anderen zum Glauben verhelfen,
oder sie „gebären“ geistliches Wissen, wenn sie (in der) Gebet meditieren.
Wenn sie auf die zweite Weise gebären,
verliert sich die Seele manchmal aus sich selbst und trennt sich weit von den körperlichen Sinnen,
sodass, wenn sie das Wort empfindet, sie sich selbst nicht mehr spürt.
Das geschieht, wenn der Mensch, von der unaussprechlichen Süße des Wortes angezogen,
sich fast von sich selbst entfremdet, oder besser: aus sich selbst entrissen wird und sich selbst entfiehlt,
um das Wort wahrzunehmen.
Hier setzt sich der Mensch also auf eine andere Weise ein – je nachdem,
ob er für das Wort Frucht bringt
oder ob er das Wort genießt:
im ersten Fall wird er (nämlich) durch die Unruhe der Bedürfnisse seiner Nächsten geleitet,
im zweiten Fall zieht ihn die Zärtlichkeit des Wortes an.
Wie eine Mutter sich über ihre Kinder freut
und wie eine Braut sich – noch mehr – über (die Umarmungen des Bräutigams) freut.
Teuer und kostbar sind ihm seine Kinder, Zeichen seiner Liebe,
aber noch mehr erfrischen ihn die Küsse.
Es ist gut, viele zu retten,
und doch
aus sich selbst herauszutreten und beim Wort zu verweilen, gibt mehr Freude.
Aber wann geschieht das und wie lange?
Es ist eine süße gegenseitige Annäherung,
aber sie dauert nur einen kurzen Moment und ist eine seltene Erfahrung.
Nach der Übersetzung von Elisabeth Hense aus dem Deutschen übersetzt von P. Gorazd, O.Carm.