Meine Sorgen an diesem Morgen waren nur vage, obwohl das Gefühl innerer Unvorbereitetheit sehr real war. Bald jedoch nahmen sie ganz konkrete Formen an. Kurz nach dem Eintreffen der Roten Armee begannen die Festnahmen, die Beschlagnahme von Eigentum, endlose Verhöre, Drohungen und Einschüchterungen. Die Kommunisten versuchten, sich jeder Person zu bemächtigen, die ihrer Meinung nach sie selbst oder das neue Regime bedrohen könnte.
Als ich all das beobachtete, musste ich immer wieder die Frage vertreiben: „Warum hat Gott zugelassen, dass solches Unrecht geschieht? Wie konnte er all das zulassen? Warum?“
Für mich als Priester waren solche Fragen wahre Qualen, aber man konnte ihnen nicht entkommen. Sie drängten sich in meine Gedanken während des Gebets, während der heiligen Messe und kamen Tag und Nacht. Es war keine Glaubenskrise. Es war eher eine Krisis des Verständnisses, und niemand, der sich darin befand, braucht sich dafür zu schämen. Diese Fragen kennt jeder gute Leser des Alten Testaments. „Wie lange, Herr, soll mein Feind über mich triumphieren?“ Und sie tauchen immer wieder insbesondere in Zeiten nach David auf, in den Zeiten des Exils, als der Ruhm des goldenen Zeitalters Salomos nur eine Erinnerung an den babylonischen Flüssen war und das Volk Israel gebrochen und erniedrigt war.
So war es mit dem israelitischen Volk, das lernen musste, sein Vertrauen weder in den Herrscher noch in das Königreich zu setzen, sondern seine Treue einzig in den Herrn zu beweisen und sein ganzes Vertrauen in ihn zu legen. Und dasselbe gilt für die gesamte Geschichte des Neuen Testaments. Und so ist es im Leben eines jeden von uns. Es sind die Momente großer Verluste, familiärer Tragödien oder persönlichen Verzweiflung, in denen sich die Menschen an ihn wenden und fragen „Warum?“ In Wirklichkeit sind sie direkt gezwungen, sich an ihn zu wenden, und schließlich wird er ihr letzter Zufluchtsort, wenn sie Hilfe, Unterstützung und Trost brauchen. Gott muss in seiner Vorsehung auf geheimnisvolle Weise unsere Tragödien nutzen, um unserer gefallenen menschlichen Natur seine Gegenwart und Liebe, die Konstanz seines Interesses und die Fürsorge um uns in Erinnerung zu rufen.
(Walter J. Ciszek SJ /1904–1984/, Er führt mich, Kapitel 1)