Die Unhaltbarkeit des absoluten Pazifismus

Als die alliierten Truppen am 6. Juni 1944 in Frankreich landeten, das von der deutschen Besatzung beherrscht wurde, war das für die ganze Welt ein Zeichen der Hoffnung, dass Frieden naht und Europa frei sein wird. Was geschah damals eigentlich? Es geschah, dass einem Verbrecher und seinen Komplizen gelang, die Macht in Deutschland zu übernehmen. Und da die Partei an der Macht war, waren Rechtmäßigkeit und Rechtswidrigkeit eng miteinander verbunden und wurden oft fast verwechselt, da die von einem Verbrecher geführte Regierung sich auch die rechtlichen Privilegien des Staates und seiner Ordnung anmaßte. Die Ordnung, die der Gerechtigkeit dienen sollte, degenerierte und festigte so die Herrschaft der Rechtswidrigkeit und bedeutete eine wahre Regierung der Lüge, die das Gewissen trübte. Dieses Regierungssystem der Lüge diente einem Terrorapparat, in dem niemandem vertrauen konnte.

Deshalb musste die ganze Welt eingreifen, um diesen kriminellen Kreislauf zu durchbrechen und Freiheit und Recht wiederherzustellen. In diesem Moment danken wir, dass das alles geschah, und das tun nicht nur die Länder, die von der deutschen Besatzung betroffen waren und dem nationalsozialistischen Terror ausgeliefert waren. Auch wir Deutschen sind dankbar, denn mit diesem Eingreifen kehrten Recht und Freiheit zu uns zurück. Wenn es jemals im Laufe der Geschichte einen offensichtlich gerechten Krieg gab, dann war es dieser: Die Aktionen der Alliierten haben auch denjenigen zugutekommen, gegen deren Land sie Krieg führten. Dieser Hinweis erscheint mir wichtig, denn er beweist anhand eines historischen Ereignisses die Unhaltbarkeit des absoluten Pazifismus.

(Joseph Kardinal Ratzinger, Auf der Suche nach Frieden,
Auszug aus einem Vortrag, der 2004 anlässlich des sechzigsten Jahrestages der Alliierten Landung in Frankreich gehalten wurde,
Übersetzung Terezie Brichtová OP)