Wenn ich zum Beispiel den großen Wunsch hätte, der Eitelkeit nicht zu verfallen, und ich mich dennoch ernsthaft übertreten habe, möchte ich mein Herz nicht so tadeln: „Du bist wirklich arm und hässlich, dass du nach so vielen Vorsätzen in die Eitelkeit gefallen bist! Jetzt sollst du vor Scham sterben und deine Augen zum Himmel nicht einmal erheben, du blindes, schamloses, verräterisches Herz, untreu zu Gott!“ und ähnlich, sondern ich würde es vernünftig und mit Mitgefühl ermahnen: „Sieh, mein armes Herz! Wir sind schon in die Grube gefallen, von der wir uns so oft vorgenommen haben, dass wir ihr entgehen werden. Ach, lass uns aufstehen und für immer daraus fliehen, lasst uns Gottes Barmherzigkeit anrufen und hoffen, dass er uns helfen wird, damit wir standhaft werden. Lass uns auf den Weg der Demut zurückkehren. Nur Mut! Von nun an lasst uns wachsam sein, Gott wird uns helfen; wir können mehr!“ (…)
Wenn dein Herz sinkt, dann hebe es also ganz sanft. Beuge dich tief vor Gott in dem Bewusstsein deiner Elend, aber wundere dich nicht über deinen Fall, denn es überrascht nicht, dass Ohnmacht ohnmächtig ist, Schwäche schwach und Elend elend.
(Franz von Sales /1567–1622/, Einführung in das fromme Leben, Teil 3, Kap. IX)