François Varillon
Lasst uns das Ereignis mit Martha und Maria aus dem 10. Kapitel des heiligen Lukas (Lk 10,38n.) betrachten, um über die Zusammenhänge und die Beziehungen zwischen Gebet und Tätigkeit nachzudenken. Wie wir wissen, ist dies ein zentrales Problem.
Als sie unterwegs waren, trat Jesus in ein Dorf ein, und eine Frau namens Martha nahm ihn in ihr Haus auf. Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Diese setzte sich zu Jesu Füßen und hörte seiner Lehre zu. Martha dagegen war mit vielen Dienstverrichtungen beschäftigt. Sie trat zu ihm und sagte: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich allein dienen lässt? Sage ihr doch, sie soll mir helfen!“ Der Herr antwortete ihr: „Martha, Martha! Du sorgst dich und bist beschäftigt mit vielen Dingen. Eines aber ist notwendig. Maria hat das gute Teil gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“
Maria und Martha, zwei Bereiche in uns selbst
Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass die Episode zwischen dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter und dem Gebet des Vaterunsers eingefügt ist. Auf das Vaterunser folgt das Gleichnis vom hartnäckigen Freund. Mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter hat Jesus die Tätigkeit, die Tat der Liebe, den echten, konkreten und effektiven Dienst, den der Samariter gezeigt hat, gelobt. Und es kann nicht gesagt werden, dass die folgenden Hinweise zum Gebet des Vaterunsers im Widerspruch zur Lobpreisung der großherzigen Tätigkeit stehen; das ist nicht möglich. Ich muss mich also nicht, wie viele gute Menschen, durch den Text über Martha und Maria irritieren lassen. Die Leute sagen: Es ist leicht, zu den Füßen des Herrn zu sitzen und die Hände zu verschränken, während jemand anderes die ganze Arbeit macht!
Der Text wurde oft im Sinne des Gegensatzes zwischen kontemplativem und aktivem Leben ausgelegt. Ein solcher Gegensatz kann jedoch aus den Evangelien überhaupt nicht abgeleitet werden. Jesus hat richtig gesagt, dass Maria den besseren Teil gewählt hat: es geht um einen ewigen Anteil, der ihr nicht genommen werden wird, gerade weil er bis in die Ewigkeit bestehen bleibt. Marthas Anteil besteht nur in der Zeit. Wir hoffen nämlich, dass der Mensch eines Tages sein Werk vollenden wird. Nicht dass er es auf Erden im politischen oder sozialen Sinne vollendet, das nicht. Der Christ trägt also in sich eine wesentliche innere Spannung:1 er muss alles tun, damit die Gesellschaft von morgen eine gerechte Gesellschaft ist, auch wenn er gleichzeitig weiß, dass es so eine Gesellschaft in der Fülle niemals geben wird. Diese innere Spannung ist für den Christen wesentlich; am schönsten hat darüber vielleicht Emmanuel Mounier geschrieben.
Es ist jedoch notwendig, dass Marthas Anteil rein ist. Genauer gesagt, das Evangelium sagt uns, aus welchem Grund Martha nicht rein ist.
Die evangelische Szene kann auf zwei Ebenen gelesen werden.
Man kann von einem Haus sprechen, in dem Martha, Maria und eine dritte Person, Lazarus, leben, der in dieser Episode nicht auftritt. Also ein Haus, in dem sich momentan drei Personen befinden: Martha, Maria und Jesus. Wir können diese Episode jedoch auch auf einer tiefergehenden Ebene lesen, indem wir das Haus in Bethanien als unsere Seele wahrnehmen, in der Jesus wohnt. Genauer gesagt, er wohnt in unserer Freiheit, denn unsere Seele ist im Wesentlichen der Ort unserer Freiheit. Dann werden Martha und Maria etwa wie animus und anima sein, wie Claudel in einem berühmten Gleichnis sagt. Animus als menschlicher Geist; anima ist die tiefste Seele. Animus ist der Teil von uns, durch den wir mit der Welt in Kontakt sind, der Bereich von uns, der handelt, sei es durch welche Tätigkeit oder Arbeit auch immer. Anima ist die tiefste Schicht der Seele, der Ort, wo Gott uns formt (wenn es wahr ist, dass er uns ständig formt, dass er uns nicht einmal für alle Zeit erschaffen hat, sondern dass er uns in jedem Moment formt). Martha ist also der Bereich von uns, der in Kontakt mit der Welt steht, der Teil von uns, der handelt. Und Maria ist der Bereich, der tief gesammelt ist und sich auf Gott konzentriert, der in uns wohnt. Und diese beiden Komponenten sind untrennbar. Es besteht keine Gefahr, dass Maria untätig bleibt. Sie ist nur in dem Moment untätig, in dem sie auf Jesu Wort hört. Jesus wird sie nicht bitten, untätig zu bleiben, sondern nach seinem Wort zu handeln. Sie hört zu.
(Achtung, wenn ich in uns zwei Bereiche, zwei Zonen unterscheide, handelt es sich nicht um zwei verschiedene Teile, sie stehen nicht zueinander in Beziehung wie Berg und Tal. Es ist immer noch die Rede von einer einzigen Person.)
Maria, eine sozusagen vollumfängliche menschliche Person, handelt nach Jesu Wort, weil sie sich die Zeit genommen hat, ihn zu fragen, was er wünscht. Daher wird es in ihrem Handeln keine Hetze, keinen Aktivismus oder Gewinnsucht geben. Es wird sich um authentisches Handeln handeln. Das Problem bleibt, welche Bedingungen ein solches authentisches Handeln hat, das weder Eile noch Aktivismus oder Eigennutz ist, das sich nicht selbst zerreißt.
Wenn ich sage, dass Martha von ihrer Tätigkeit eingenommen ist, möchte ich das Wort „eingenommen“ hervorheben, wie es der lateinische Text angibt: Martha autem satagebat. Sie ist eingenommen, absorbiert, auf irgendeine Weise in die Tätigkeit eingetaucht. Sie hört nichts von dem, was Jesus sagt. Und genau deshalb, weil sie nicht zuhört, ist sie nicht rein. Der Beweis dafür, dass sie nicht rein ist, ist das, was sie zu Jesus sagt: „Kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich allein dienen lässt?“ Wäre sie rein, würde sie sich freuen, dass sie dienen kann, damit ihre Schwester bei den Füßen Jesu sitzen kann. Stattdessen ist sie wütend, eifersüchtig. Es scheint ihr nicht, dass Jesus sich dessen bewusst ist, wie viel Mühe sie sich gibt.
Es ist notwendig, die ganze Szene erneut zu erleben und Martha zu beobachten. Ich sehe sie deutlich, wie sie die Anrichte öffnet, Teller und Tischdecke auswählt. Ihre Schwester sitzt die ganze Zeit zu Jesu Füßen. Und Jesus scheint nicht zu bemerken, wie sehr sich Martha engagiert. „Kannst du ihr nicht etwas sagen... oder wenigstens anfangen zu beachten, wie sehr ich mich hier anstrenge?“ Martha möchte, dass ihr hingebungsvoller Dienst gewürdigt wird. Mit anderen Worten, sie möchte hingebungsvoll erscheinen. Aber sie kann nicht ganz hingebungsvoll erscheinen, wenn in den Augen Jesu Maria so aussieht. „Sag also meiner Schwester, dass sie in diesem Moment überhaupt nicht hingebungsvoll ist; hingebungsvoll bin nur ich.“ Das alles deshalb, weil sie nichts hört und vollkommen in ihrer Arbeit aufgeht, eingetaucht in sie. Manchmal nennen wir das wahre Hingabe (Hingabe), aber die Wahrheit liegt woanders. Wahre Hingabe ist selbstlos. Martha wird wahrhaft hingebungsvoll sein, wenn sie sich sagt: „Das ist großartig! Ich arbeite, und Maria kann so Jesus zuhören.“ Aber so ist es überhaupt nicht.
Jesus antwortet. Wir müssen uns Jesus in diesem Raum vorstellen und versuchen, seine Stimme zu hören, in welchem Ton er wahrscheinlich seine Worte spricht. Ich stelle mir den Ton mild und gleichzeitig sehr fest vor, mit wiederholtem Anrede: „Martha, Martha, du machst dir Sorgen und quälst dich mit vielen Dingen.“ Wir könnten es sogar so übersetzen: „Du bereitest uns ein reichhaltiges Abendessen mit vielen Gängen; aber warum? Ein Gang würde genügen. Du hast mich nicht gefragt, was ich will... Du machst viel Lärm, stellst kleine Teller in große. Du hast mich nach nichts gefragt, so machst du nicht das, was mir Freude bereiten würde. Und was will ich? Es ist nur eines nötig.“
Das bedeutet überhaupt nicht, wie oft ausgelegt wird, dass das einzige, was nötig ist, die Kontemplation ist. Absolut nicht! Nein. „Das einzige, was nötig ist, ist, meinem Wort zuzuhören, mit mir vereint zu sein, um so meinen Willen zu tun, der der Wille des Vaters ist.“
(Aus dem Buch von Francois Varillon, Le message de Jésus.
Bayard Ed./Centurion 1998, S. 232–235.
Übersetzt von K. L.)