Wenn ich mich auf meine eigene Kraft verlassen würde.

Therese von Lisieux (Letzte Worte, 7.8./4)

Wenn sich der Mensch auf seine eigenen Kräfte verlässt, gerät er schnell in die Gefahr, in die Abgründe zu fallen. Ich werde bis zu meinem Tod das Recht haben, kleine Dummheiten zu begehen, ohne Gott dadurch zu beleidigen – nur wenn ich Demut habe, nur wenn ich klein bleibe. Schaut euch doch die kleinen Kinder an: Sie zerbrechen und reißen ständig etwas, fallen immer wieder, und sind dennoch voller Liebe zu ihren Eltern. Wenn ich falle, bringt mich das nur mehr zu dem Bewusstsein, wie klein ich bin, und dann sage ich mir: Was könnte ich tun und was wäre aus mir geworden, wenn ich mich nur auf meine eigenen Kräfte verlassen hätte?

Ich verstehe sehr gut, dass der hl. Petrus gefallen ist. Petrus hat sich auf sich selbst verlassen, anstatt allein und ausschließlich auf die Kraft Gottes zu bauen. Daraus schließe ich, dass meine Versuchungen viel schlimmer wären und ich sicherlich nachgegeben hätte, wenn ich sagen wollte: „Gott, Du weißt, dass ich Dich zu sehr liebe, als dass ich auch nur den geringsten unglaubenden Gedanken haben könnte.“

Ich bin mir ganz sicher: Hätte Petrus dem Christus demütig gesagt: „Bitte gib mir die Kraft, Dich bis zum Tod zu folgen“, hätte er sie sofort erhalten.

Ich bin auch sicher, dass unser Herr seinen Aposteln in der Lehre während seiner leiblichen Anwesenheit unter ihnen nicht mehr gesagt hat, als er uns heute in den Eingebungen seiner Gnade sagt. Er hätte Petrus zwar sagen können: „Erbitte Dir von mir die Kraft, um das zu verwirklichen, was Du willst.“ Aber nein, das hat er nicht getan, denn Jesus wollte, dass er sich seiner Schwäche bewusst war, und deshalb, weil er die gesamte Kirche führen sollte, die ja voller Sünder ist – musste er selbst erfahren, was der Mensch ohne die Hilfe Gottes vermag.

Vor seinem Fall sagte der Herr zu ihm: „Wenn Du dich umkehrst, stärke meine Brüder“ (Lk 22,32). Das wollte er doch sagen: Überzeuge dich doch aus eigener Erfahrung von der Unzulänglichkeit der menschlichen Kraft.

(Therese von Lisieux: Würde ich mich auf die eigene Kraft verlassen…,
Karmel-Impulse 4, I, 4, 1994)

Übersetzt von Dr. Vojtěch Pola.