Die Abwesenheit Gottes und die Leere sind Seine gnädige Nähe.

Die Kirche überschreitet sich selbst und lehrt uns damit, „Gott in allen Dingen zu finden“. Nicht nur ihn mühsam wie einen Schmuckstück im Schrott zu suchen, sondern ihn als den zu finden, der schon immer vor mir war…
Nicht nur durch diese Universalität der Allgegenwart Gottes in der Welt, sondern auch durch die Universalität seiner Absichten zur Rettung der Welt sind wir im Alltag der Welt nicht weiter von Gott entfernt als in unseren Gebeten oder bei den kirchlichen Gottesdiensten…
Zuerst muss bedacht werden, dass alles, was so breit und lautstark seine weltliche Existenz zur Schau stellt, ein reines Geschenk ist, das uns nicht aus einer unberührbaren Höhe, sondern von Gott gegeben wird, der sich in seinem Geschenk so tief senkt und uns so nahe bringt, wie er nur kann. Schöpfung, Stand der Gnade, das Werk der Erlösung lassen sich hier nicht mehr unterscheiden: sie können nicht unterschieden werden, denn der göttliche Wille – sich bis zur Grenze zu teilen – ist unteilbar. Daher kann der meditierende Christ im bloßen Sein der Dinge die gesamte Haltung Gottes wahrnehmen. Vielleicht wäre es leichter, zumindest scheinbar, Gottes Haltung in der Schönheit der unberührten Natur zu finden – Wald, Berge, Wüste, Meer… – aber warum sollte es nicht auch möglich sein, ihn in der vom Menschen gestalteten, oft so hässlichen Landschaft zu finden; in den menschlichen Werken, die oft mühsam störend sind: ihn zu finden als Gott, der geduldig Raum für die Einfälle seiner Geschöpfe gibt? Seine Geduld und Großzügigkeit werden oft als Abwesenheit und Leere verstanden. Für den christlich meditierenden Menschen ist es eine gnädige Nähe…

(Hans Urs von Balthasar /1905–1988/, Auszug aus dem Text Christlich meditieren)