Zehn Jahre sind im Leben eines jeden Menschen eine lange Zeit. Da Zeit das wertvollste Gut ist, das wir haben, und da sie unwiderruflich ist, beunruhigt uns bei jedem Blick zurück der Gedanke an die bereits verlorene Zeit. Verloren wäre die Zeit, in der wir nicht als Menschen lebten, keine Erfahrungen sammelten, nicht lernten, nicht schufen, das Leben nicht genossen und nicht litten. Verlorene Zeit ist unerfüllte, leere Zeit. Diese vergangenen Jahre waren es sicherlich nicht. Viel, unendlich viel haben wir verloren, aber es war keine verlorene Zeit. Und obwohl die Fähigkeit zu vergessen eine Gnade ist, gehört doch Gedächtnis und Wiederholung der gewonnenen Erkenntnisse zu einem verantwortungsvollen Leben dazu…
(Dietrich Bonhoeffer /1906–1945/,
Auszug aus dem Text Überlegungen an der Schwelle zum Jahr 1943, geschrieben zum zehnten Jahrestag der Machtergreifung Hitlers;
zitiert nach dem Buch Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Hingabe, Briefe aus dem Gefängnis. Kalich 2023)