P. Gorazd Cetkovský, O.Carm.
Die positive Resonanz von Ihnen, den Lesern, auf die Transkription der Aufzeichnung zweier Ansprachen von der Julipilgerfahrt in Kostelní Vydří, die im letzten Heft der Zeitschrift veröffentlicht wurde, hat mich angeregt, auch die dritte Ansprache ähnlich zugänglich zu machen. Diese wurde ganz beim letzten Gottesdienst gehalten (das ist daran ein wenig zu erkennen, weshalb ich das erwähne).
Brüder und Schwestern,
ich erkläre zunächst, warum wir bei diesem Gottesdienst so eine ungewöhnliche Lesung aus dem Alten Testament (Ex 2,1–10) gelesen haben. Der Beginn von Moses' Leben, wie er im zweiten Buch Mose geschildert wird, soll wohl besonders die wunderbare göttliche Führung verkünden: Weder der Hass und die Grausamkeit des Pharao gegen die Israeliten konnten verhindern, dass Gott sich um sein Volk kümmert. Und sogar schimmert hier ein Hauch von Ironie durch: als der Pharao will, dass alle hebräischen Jungen im Wasser des Nils umkommen, wird direkt aus den Wassern des Nils einer von ihnen gerettet und sogar im Haus des Pharao aufgezogen. Man könnte sagen, dass er fast ein Enkel des Pharao wird. Er war sicherlich der „Sohn der Tochter des Pharao“ – also ein adoptierter Sohn. Ich möchte in diesem Abschnitt jedoch zwei Details hervorheben, die Sie darin bemerkt haben könnten. Wir wollen gemeinsam über die Mutterschaft der Jungfrau Maria nachdenken. Durch göttliche Führung wuchs der kleine Moses letztendlich bei seiner Mutter auf. Dank seiner älteren Schwester, die am Ufer des Nils stand und zur Tochter des Pharao im richtigen Moment sagte: „Ich werde dir eine Frau besorgen, die das Kind stillen wird und sich um ihn kümmern wird“, wuchs der Junge ganz normal bei seiner Mama auf. Und erst als er ein bisschen größer war, übergab ihn seine leibliche Mutter der Tochter des Pharao, und diese zog ihn als ihren Sohn auf. Und das bedeutete, dass Moses die höchste Bildung erhielt, die in diesem Land damals möglich war, dass er materiell hervorragend abgesichert war usw. So lernen wir Moses als einen Mann kennen, der bei seiner menschlichen Reifung mit einem doppelten mütterlichen Einfluss beschenkt wurde, den er in sich aufnehmen konnte. Er wurde in außergewöhnlichem Maße mit mütterlicher Fürsorge bedacht.
Dies habe ich als Ausgangspunkt für unsere Überlegung gewählt. Wir kommen hier nach Kostelní Vydří zum Wallfahrtsort der Jungfrau Maria vom Karmel, feiern heilige Messen, beten – und alle diese Messen beten über die Jungfrau Maria. Und oft nehmen wir sie gerade als Mutter wahr. Nicht nur als Mutter Christi, sondern auch als unsere Mutter, als Mutter der Gläubigen, der Jünger Jesu. Damit uns dieser Zugang zur Jungfrau Maria als Mutter nicht alltäglich wird, möchte ich jetzt unsere Gedanken darauf lenken.
Zunächst können wir uns bewusst werden, wie es in menschlichen, natürlichen Beziehungen ist. Wie ist es, wenn Kindern die Mama fehlt, wenn ihnen mütterlicher oder sogar väterlicher Einfluss fehlt? Wenn die Familie irgendwie „nicht funktioniert“? Professor Matějček, bekannt durch seine Bücher und Überlegungen zur Familie und zur Erziehung von Kindern, sagt, dass sich in letzter Zeit in Bezug auf die Familie vieles geändert hat. Im Unterschied zu der Zeit unserer Vorfahren – und die älteren werden sich gut daran erinnern und können es klar bewusst machen – hat die Familie einige ihrer Funktionen verloren. Eine davon ist die „produzierende“ Funktion. Früher war die Familie auch – ungeschickt ausgedrückt – eine Produktionseinheit, in der alle gemeinsam arbeiteten (auf dem Feld, in der Werkstatt), um vom Leben zu können. Früher war die Familie auch – in der ältesten Zeit – tatsächlich die einzige Bildungseinrichtung: dort erfuhr der Mensch etwas über das Leben und darüber, wie er mit dem Leben umgehen soll. Außerdem hatte die Familie eine schützende Funktion und wir können auch sagen, eine „versichernde“. Und die hat sie sicherlich auch heute noch – wo die erweiterte Familie zusammenhält. Wenn also jemand Unglück trifft, mobilisiert sich die ganze Familie und versucht, ihm zu helfen.
Diese Funktionen der Familie sind heute irgendwie stark in den Hintergrund gerückt, und es treten ganz deutlich zwei hervor.
Erstens: Die Familie soll dem Menschen eine verlässliche emotionale Grundlage bieten. Und das jedem in ihr. Nicht nur den Kindern, sondern jedem, der diese Familie bildet. Ein Zuhause voller Sicherheit, gegenseitigem Vertrauen, eine Basis, in der einander nicht angegriffen wird, in der man einander vertraut, in der man versucht, sich zu versöhnen. Das ist für jeden von uns sehr wichtig.
Und die Familie hat noch eine weitere Funktion, die gerade die Kinder betrifft: Die Familie soll sie auf das Leben in der breiteren Gesellschaft vorbereiten. Damit das Kind, das innerhalb der Familie zur Welt kommt, nach und nach die Fähigkeit erwirbt, später außerhalb dieser Familie zu leben und eine eigene Familie zu gründen.
Sicher haben Sie das in Ihrer Umgebung beobachtet (und die Experten könnten darüber wieder fundiert sprechen und würden uns reizvoll Beispiele aus ihrer Praxis schildern), wie es aussieht, wenn die Familie aus irgendeinem Grund ihre Funktionen nicht erfüllt. Wie jemand dann tief verwurzelt sein kann und wie er das sein ganzes Leben lang mit sich trägt. Für uns alle ist es sehr wichtig, dass wir in einem familiären Umfeld leben können, dass wir mütterliche und väterliche Einflüsse erhalten.
Und ich, Brüder und Schwestern, spreche so ausführlich darüber, weil ich überzeugt bin, dass es im geistlichen Bereich – wie wir umgangssprachlich sagen – „das Gleiche in blassen Farben“ ist. Auch im geistlichen Bereich ist es für uns sehr wichtig, ein solches Fundament zu haben, und das drücken wir schon aus, indem wir Gott Vater nennen, dass wir der Jungfrau Maria den Titel Mutter geben. Daraus, dass wir die Worte „Vater“ und „Mutter“ verwenden, ist von selbst klar, dass wir den Einfluss Gottes, aber auch der Jungfrau Maria und der Heiligen auf unser Leben eigentlich ähnlich wie den Einfluss der Eltern empfinden.1 Und Gott hat sich nicht damit zufrieden gegeben, nur unser Vater zu sein, nur unser Schöpfer zu sein, sondern sandte seinen Sohn, der Mensch wurde wie wir, damit Gott für uns völlig sichtbar und direkt greifbar ist. Damit wir an Jesus sehen können, wie groß die Liebe Gottes zu uns ist, wie sehr Gott sich um uns kümmert. Und als dieser Gottessohn, „geboren von einer Frau“ (Gal 4,4), sich für uns am Kreuz opferte, wie wir im Evangelium gehört haben (Joh 19,25–27), hat er in diesem Moment die Frau, aus der er unser menschliches Leben annahm, uns zur Mutter gegeben. Und im Johannes sagt er zu jedem Gläubigen, zu jedem seiner Jünger: „Das ist deine Mutter ...“ Das heißt: Halt dich an sie. Das ist deine Mutter. – Und zu Maria sagt er: „Das ist dein Sohn,“ oder – wenn wir es erweitern: „Das ist deine Tochter.“
Das heißt, dass wir die Jungfrau Maria Mutter nennen – und an diesem Wallfahrtsort sie seit dreihundert Jahren so verehren – das ist kein Willkür von uns, sondern wir können uns darauf berufen, dass Jesus selbst absichtlich uns Maria gegeben hat, damit sie für uns das mütterliche Fundament sei, damit sie unsere Mutter sei. So wie wir unsere Mama haben, die uns das Leben geschenkt hat. So wie wir unseren irdischen Vater haben und in Gott unseren „himmlischen Vater“ haben. Ähnlich möchte Jesus, dass Maria in unser Leben tritt und darin anwesend ist. Und dabei verwendet er selbst das Wort „Mutter“. So ist uns die Jungfrau Maria gegeben. Jesus musste das nicht tun, aber er hat uns absichtlich Maria als Mutter gegeben – damit wir diese Mutterschaft und dieses mütterliche Fundament noch mehr erfahren...
Und ich möchte jetzt – um so kurz wie möglich zu bleiben – diese Gedanken schärfer herausarbeiten: Wir sind an diesem Wallfahrtsort als diejenigen versammelt, die Gott als ihren himmlischen Vater anrufen und die Maria ihre Mutter nennen. Wir glauben, dass wir hier ein Begegnung mit ihnen erleben: dass Gott hier ist und dass er hier „nähe“ ist als anderswo, besonders durch unser gemeinsames Gebet. Und wir glauben, dass diese Gemeinschaft des Gebets auch eine Gemeinschaft und ein Treffen mit Maria ist und dass das eine besondere Kraft in sich birgt... Aber wir werden von hier gehen. In einer Stunde oder in einigen Stunden sind Sie wieder zu Hause. Morgen werden viele von uns zur Arbeit gehen. Wir kommen unter Nachbarn, unter Menschen, die nicht an Gott glauben oder sich nicht zu ihm bekennen und die sich ebenso wenig zu Maria bekennen.
Und der Gedanke, den ich Ihnen hier, Brüder und Schwestern, vorlegen möchte, lautet: Wir sind die, die in unserem Leben mehr Vaterschaft, mehr väterliche Fürsorge und mehr mütterliche Fürsorge erfahren als die Menschen um uns herum. Uns wird – jetzt hier bei der Eucharistie, aber auch auf verschiedene andere Weisen, wenn wir zu Gott oder zur Jungfrau Maria beten – mehr väterliche und mütterliche Unterstützung zuteil, als die anderen Menschen um uns herum haben. Wenn ich es sehr scharf sage, kann ich uns die Frage stellen: „Ist das an unserem Leben sichtbar, oder wird es an unserem Leben sichtbar sein?“ Wie ich es ungeschickt angedeutet habe, sagen die Experten, dass man bei Kindern sehr gut erkennen kann, ob das Kind, das wir vor uns haben, eine Mama und einen Papa hat, sprich, ob es ein Umfeld hat, in dem es sicher sein kann, auch bei seinen Schwächen und Fehlern, oder ob ein solches Umfeld fehlt. An dem Kind erkennt man, ob es sich mit der Mama trifft, ob sie sich um es kümmert, und oder ob das Kind alleine aufwächst wie ein Pfahl im Zaun! Und wir sind diejenigen, die – auch jetzt an diesem Ort – sich mit ihrer Mama Maria treffen, die sich an sie wenden und ihr ihre Anliegen und Bitten vortragen. (Und genau so kann ich das auch ständig auf unser Verhältnis zu Gott als himmlischen Vater beziehen, das sich hier durch Christus im Geheimnis der Eucharistie abspielt.)
Also sind wir hier versammelt als Menschen, die großen Rückhalt bekommen. Und es ist gut, dass wir uns das bewusst machen und uns irgendwie in das „hineinvertiefen“. Als ich darüber nachdachte, wurde mir klar: Das ist interessant, auf den ersten Blick scheint es eher umgekehrt zu sein. Oft ist es in den Familien so, dass der gläubige Teil der Familie die älteren sind. Und es scheint, dass die, die in sich „mehr Leben“, mehr Lebensenergie haben, die Jüngeren sind. Dass wir in der Familie die langsameren und zögerlichen sind, während die „lebensvollen“ die andern sind. Oft erschwert die Tatsache, dass wir als ältere dem Versuchung verschiedener Altmodischheit unterliegen und uns daran erinnern, wie es früher war, während die anderen, die jünger sind und die sich nicht wirklich zu Gott bekennen, andererseits einen viel stärkeren Bezug zur Gegenwart haben. Und sie sagen uns: „Jetzt ist es nötig zu leben!“ Und: „Heute macht man das so und so..., das werde ich festhalten!...“ Oder – was noch ernster ist – sie sehen uns oft so, dass wir in unserer Glauben eigentlich Einschränkungen haben. Wir können nämlich viele Dinge nicht, weil sie uns verboten sind, und andere Dinge müssen wir tun, weil sie uns befohlen sind. Und so dürfen wir das oder das nicht tun, weil es einem der Gebote der Zehn Gebote widerspricht, und wir müssen beten und in die Kirche gehen... Und das erscheint ihnen als einarmende Unfreiheit. Die tatsächliche „Lebensfülle“ sei noch woanders, als in dem, was wir tun... – So kann es im Blick der Ungläubigen erscheinen. Aber, Brüder und Schwestern, ich möchte uns heute betonen: Wenn wir uns an diesem Wallfahrtsort mit der Jungfrau Maria treffen und hier zu unserem himmlischen Vater beten, dann soll das in unserem Leben bewirken, dass wir Menschen sind, die voller Leben sind! Voller Leben. Anderes als wenn ein lebhafter Jugendlicher oder ein Kind in unserer Familie einfach jemand ist, der „sprudelt“ vor Leben, aber das viel oberflächlicher ist... Ich möchte uns allen mit diesem Nachdenken helfen, dass wir zu diesem tiefen inneren Leben kommen, das uns hier eingegossen wird, und dass wir es tief „einatmen“. Ich glaube, dass wenn wir uns jetzt wirklich Gott hingeben, wenn wir auf die Jungfrau Maria schauen und darauf, wie sie ihr Leben lebte (einschließlich der Situation, als sie unter dem Kreuz stand), wenn wir der Jungfrau Maria all das anvertrauen, was wir leben, wenn wir also diese gesegneten Momente an diesem Wallfahrtsort so erfahren, dass wir wirklich von hier gehen als diejenigen, die in ihrem Inneren mit Leben erfüllt sind.
Und diese Erfüllung mit Leben wird jede Trägheit, jedes Desinteresse an anderen Menschen oder an dem Geschehen um uns herum aus unserem Herzen verdrängen. Wenn wir uns hier mit unserer himmlischen Mutter treffen, wenn wir zu Gott als Vater beten, werden wir Menschen sein, die nicht passiv sind, sondern aktiv. Wir werden Menschen sein, die nichts zurückhaltend sind, nichts „vergiftet“ sind und mit nichts unversöhnt sind, denn Gott gibt uns durch seine Fürsorge für uns – auch durch die Jungfrau Maria – genug Kraft, um verschiedene Hindernisse zu überwinden, um über verschiedene Traurigkeiten hinwegzukommen. Wenn wir hier die Begegnung mit der Jungfrau Maria als Mutter erfahren, können wir von diesem Ort nicht als Menschen abgehen, die kalt, in ihren eigenen Welten verschlossen, egoistisch sind, Menschen, die den anderen nur vorwerfen, dass sie nicht zur Beichte gehen, und dabei sich nicht kümmern, womit die anderen wirklich leben! Womit sie kämpfen, warum sie jung sind und so traurig sind! Wir werden keine Menschen sein, die kritiklos den ungebändigten persönlichen Gewohnheiten oder den weit verbreiteten Missständen um uns herum dienen, sondern wir werden Menschen sein, die sehr frei sind! Wenn wir an diesem Ort die Begegnung mit Maria als Mutter erfahren, müssen wir von diesem Ort innerlich reich gehen. Wie ein Kind, das mit der Mama war... Es muss nicht auf der Ebene der Gefühle sein, sondern auf der Ebene des Glaubens. Wir sind in der Tat Menschen, die innerlich reich sind. Auch wenn wir die zehn Gebote einhalten, auch wenn wir beten und so unsere Zeit den Dingen widmen, für die sich die anderen keine Zeit nehmen, gehen wir von diesem Ort als innerlich reiche Menschen! Und dieser Reichtum ist auf einer anderen Ebene, dies lässt sich nicht vergleichen mit dem, wie viel Geld wir haben und wie viel Freizeit wir haben und wie gesund wir sind...
Wenn ich zum Schluss diese Gedanken zusammenfasse: Es gibt einen Unterschied und man erkennt es, ob Kinder eine Mama haben und ob sich diese Mama um sie kümmert, oder ob dies nicht der Fall ist. Es gibt einen Unterschied, ob Kinder ein Fundament haben oder ob sie keins haben. Und ebenso: Wenn wir an diesen Ort kommen, Maria Mutter nennen, Gott als Vater anrufen, wenn wir behaupten, dass dies für uns wichtig ist, dass wir hier ein Fundament finden, wenn das alles so ist, dann fließt das in unser Leben und tritt in uns ein... Wenn ich es wieder schärfer mache: Es könnte sich also durchaus gut ereignen, dass der Großvater, der von der Wallfahrt zurückkommt, mehr Leben in sich hat als sein fünfzehnjähriger Enkel. Es könnte so sein, dass ein Mensch mittleren Alters, der seine Sorgen Gott anvertraut, sich betet, seine ganze Familie, all die Sorgen, die er um sie hat, ihm anvertraut und nach Hause zurückkehrt, dass er in sich einen größeren Lebensfunken hat als ein junger Mensch, der so gesund wie eine Fichte ist, Geld hat, Freunde hat... – und ihm dennoch etwas fehlt! Das tiefere, was uns Maria als Mutter gibt, das tiefste, was uns Gott als Vater gibt. Möge es also so sein, dass wir von diesem Ort innerlich erfüllt und gesichert gehen, dass wir Kinder sind, die einen großen, großen Rückhalt haben. Und unabhängig davon, dass wir, so Gott will, zurückkehren werden...
Amen.