In liebevollem Umarmung, ebenso wie in Einsamkeit.

 „Wie schön bist du, meine Freundin, wie schön, deine Augen sind Tauben." (Hoh 1,15)Michael von St. Augustin (1622–1684)

Die Seele ist fern davon, traurig zu sein, wenn sie «abgesetzt» wird von den Umarmungen und Küssen des Geliebten, wenn das Gefühl der zärtlichen, vereinigenden Liebe schwächer wird, wenn sie aus der angenehmen Einsamkeit zurück in die zahlreichen Aktivitäten geführt wird. Im Gegenteil: Aufgrund der außergewöhnlichen Gunst des Geliebten, aufgrund des so freundschaftlichen Einsseins mit Ihm, aufgrund des früheren inneren «Eintauchens» in Gott, aufgrund der liebevollen Erfahrung Gottes fühlt sie sich gestärkt und erfüllt mit dem Mut zu dem, was schwierig ist. Denn diese sehr zärtliche erlebte Liebe der Einheit verwandelt sich in eine andere Liebe, in eine Liebe, die «stark wie der Tod» ist (Hoh 8,6). Diese handelnde Liebe entbehrt bereitwillig jeglichen Trostes, jeglichen Gefühls von Gunst. Denn die Liebe, die stark ist wie der Tod, lässt die Seele alles Geschaffene und sich selbst sterben; ja, wie der Tod trennt diese Liebe die Seele von jedem Drang, sich an etwas zu klammern, damit sie künftig nur in Gott lebt.

Wenn die Braut Gott unter allen Umständen nur Freude bereiten möchte, in Süße oder Bitterkeit, in Gaben des Trostes und liebevollen Umarmungen, ebenso wie in Verlassenheit und Trauer, beschenkt sie ihren Bräutigam mit gewürztem Wein, und Er ist berauscht von der betörenden Liebe zu ihr, denn Er liebt sie, ohne geliebt zu werden, ohne die Liebe zu erfahren oder sich ihrer bewusst zu sein. Das ist der süße Most ihrer Granatäpfel..., mit dem sie sein Herz gewinnt und ihn berauscht... und Er – so scheint es – als von der Liebe verrückt vergisst seine unermessliche Majestät und handelt mit ihr ganz vertraulich.

In der Nacht der Verlassenheit spürt der Geliebte den Wunsch, mit seiner Geliebten zu essen und kommt ungefragt. „Höre, mein Lieber klopft: Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Unbescholtene“ (Hoh 5,2). Ja, das sind die köstlichsten Worte des Geliebten, der eintreten möchte. Er klopft in der Nacht: „Ich habe einen Kopf voller Tau, in meinen Locken nächtliche Tropfen“ (Hoh 5,2). Der Tau bildet sich in der Nacht; der Bräutigam kommt in der Nacht und bringt mit sich den Tau der göttlichen Gnade. Er möchte mit seiner Braut das Abendessen einnehmen... Er kommt ohne Einladung und möchte sich mit seiner Geliebten freuen, in dem Moment, in dem sie es am wenigsten erwartet.

Wollt ihr wissen, welche Augen die Braut haben muss? Solche, wie sie der Bräutigam gepriesen hat: „Wie schön bist du, meine Freundin, wie schön, deine Augen sind Tauben“ (Hoh 1,15). Die Braut soll ihren Geliebten mit den Augen der Taube anschauen; im Geist soll sie sich mit großer Unschuld, Einfachheit, Schlichtheit und Reinheit des Lebens an Gott hingeben und ihm die Augen des Glaubens und der reinen, ungetrübten Liebe zuwenden. Über diese Augen sagte der Geliebte: „Ihre Augen sind wie Tauben, sie baden in Milch“ (vgl. Hoh 5,12), um die außerordentliche Klarheit guter Gedanken, Gedanken der Freundschaft und Liebe auszudrücken, durch die die liebende Seele mit ihrem einfachen Auge immer nach Gott „weidet“.

Aus dem Buch: Tanz der göttlichen Liebe
Herausgegeben von: Elisabeth Hense, T.OCarm.
Veröffentlicht im Verlag: Herder, 1991
Übersetzt und bearbeitet von: Norbert Žuška, OCarm.