Zeugnis

-mb-

Seit fast fünfundzwanzig Jahren gehe ich regelmäßig zu einem kleinen Friseursalon am Rande einer Wohnsiedlung. Ich freue mich immer darauf. Neben dem Umstyling ist es für mich auch eine kleine Auszeit, und außerdem ist meine Friseurin eine sanfte, nette und selbstlose Frau. Eine biblische Tabita (wie ich sie für mich nannte). Sie hat nicht selten erwähnt, wo sie überall für ihre Kundinnen hingeht, um ihnen zu helfen, wenn es ihnen schwer fällt, irgendwohin zu reisen, sei es aufgrund von Alter oder Krankheit. Bei ihrer Arbeit muss sie oft viel anhören, was ermüdend sein kann, aber vielen wird es sicherlich eine Erleichterung sein, sich mit einem guten Menschen über ihre Sorgen auszutauschen.

Seit meiner Bekehrung, die ungefähr mit meiner ersten Besuche in diesem Friseursalon zusammenfällt, habe ich oft daran gedacht, dass ich dieser Frau die Möglichkeit geben möchte, die frohe Botschaft zu hören und Christus, unseren Herrn, kennenzulernen. Ich habe gelegentlich in meinem Gebet an sie gedacht, und weil in dieser Zeit in unserer Gemeinde Alpha-Kurse (praktische Einführung in das Christentum) stattfanden, habe ich sie mehrmals zu diesem Programm eingeladen, erklärt, Prospekte für Alpha und andere Programme mitgebracht. Dann kam das Ausleihen von Büchern, da meine Friseurin eine fleißige Leserin war. Auch Zeitschriften und verschiedene Artikel habe ich ihr auf dem Tisch gelassen, an dem ich bei meinem Gehen bezahlt habe. So ging es über viele Jahre... Sie kam nicht zu Alpha, nahm jedoch alle Drucksachen und Bücher stets mit Dank an, las sie und gab sie mir mit der gleichen Anmut zurück. Eines Tages waren wir in diesem kleinen Friseursalon etwa fünf Kundinnen und das Gespräch drehte sich um Heilkunde. Die Diskussion war lebhaft und leider durch verschiedene irreführende Ratschläge und erlebte Erfahrungen durchzogen. Ich zog mich in mich selbst zurück, tat so, als würde ich schlummern, und betete verzweifelt, dass es endlich aufhören würde und vor allem, dass mich niemand etwas fragt. Dann ertönte aber der Aufruf, ob ich zu diesem Thema auch etwas sagen könnte. Ich hatte nicht viel Mut, und so bemerkte ich nur leise, dass ich für mich selber nichts dergleichen wählen würde und niemandem solche Praktiken empfehlen würde. Sofort wurden jedoch andere Argumente laut und das Gespräch ging weiter. Wieder dachte ich an meine Friseurin und hatte das Gefühl, dass sie von dieser unglücklichen Diskussion negativ beeinflusst worden sein könnte. Also machte ich mich auf und suchte verschiedene Artikel und Links zu diesem Thema und ließ das gesammelte Material bei meinem nächsten Besuch auf dem Tisch liegen. Wie immer sagte sie mir dann, dass sie mir viel dankt, dass sie alles gelesen hat und es in Ordnung zurückgibt.

Es vergingen weitere Jahre. Immer wenn wir uns trafen, hatten wir nette Gespräche. Aus ihren Erzählungen ging oft eine positive Einstellung gegenüber anderen und allgemeine Freundlichkeit hervor. Mein Eifer, dieser Frau Christus zu verkünden, war nicht erloschen, hatte sich jedoch sehr beruhigt. Ich beschäftigte mich praktisch nicht mehr mit Gedanken, was ich für sie tun könnte, sondern freute mich eher in der Hoffnung, dass Gott ihr gutes Herz sicher sieht, gnädig auf sie schaut und sie begleitet.

Vor fast einem Jahr, als ich wieder an diesen vertrauten Ort kam, traf ich sie sehr verstimmt an. Sie begann sofort, mir von einer ihr sehr traurigen und unverständlichen Angelegenheit zu erzählen. Die Sorgen betrafen eine junge Familie – ihren Sohn und ihre Schwiegertochter. Das Missverständnis entstand aufgrund der Anfrage nach der Taufe ihres einjährigen Kindes. Die Initiative kam ursprünglich von den Eltern der jungen Mutter, praktizierenden Katholiken. Der dortige Pfarrer lehnte jedoch die Tauffrage strikt ab, als er erfuhr, dass die Eheleute nicht in der Kirche geheiratet hatten. Das löste in der gesamten weiten Familie große Bitterkeit und Schmerz aus, vor allem, weil die Familie in der Gemeinde über viele Jahre hinweg tatkräftig geholfen hatte. Ein zweiter Kontaktversuch mit dem Priester in ihrem aktuellen Wohnort scheiterte ebenfalls, da der Priester sie zunächst in der Kirche zu Gottesdiensten und zur Beichte sehen wollte, bevor über die Möglichkeit der Taufe überhaupt gesprochen werden konnte. Durch diese zweite Ablehnung entstand in der jungen Familie Spannungen. Der Vater des Kindes, der zuvor keine persönliche Erfahrung mit Glauben und Kirche hatte, war erschüttert von der Unnachgiebigkeit, der Geschlossenheit und der Härte in dem Umgang. Schließlich kam es zwischen den Eheleuten zu einem Streit. In diesem Stadium erzählte mir die Friseurin die gesamte Geschichte. Da ich gerade in der Zeit mit meinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt war, wollte ich kaum Hilfe anbieten oder in diese konfliktbeladene Situation eingreifen, von der ich nur spärliche und vermittelte Informationen hatte. Zu Hause ging mir das jedoch durch den Kopf. Es tat mir leid, dass sie eine so schlechte Erfahrung gemacht hatten, die sicherlich die ganze Familie tief getroffen hatte. Ich versuchte, in einer Gemeinde zu fragen, von der ich wusste, dass dort die Vorbereitung auf das Taufe für unpraktizierende Eltern sehr gut organisiert war. So geschah es, dass die Vorbereitung für die Taufe auch diesem jungen Paar geöffnet wurde und sie, wie ich erfahren konnte, diese Zeit sehr schön erlebten. Während etwa einem halben Jahr konnten sie sich wiederholt mit einem Priester, der örtlichen Gemeinschaft und anderen jungen Eheleuten, Gemeindemitgliedern, die bei der Vorbereitung auf die Taufe halfen, treffen. Als ich dann in den Friseursalon kam, strahlte meine Friseurin nur und erzählte zum Erstaunen der anderen anwesenden Kundinnen, wie schöne Momente sie bei der Taufe ihres Enkels erlebt hatten, sowohl während der Sakramentenspendung in der Kirche als auch beim Familienfest. Sie schloss ihre Schilderung mit den Worten: „Und ich sage es jetzt allen, die hierher kommen: wie schöne Dinge wir bei der Taufe meines Enkels erlebt haben!“

An einem Maiabend besuchte ich wieder den Friseursalon. Ich schloss die Augen und entspannte mich. Wir schwiegen miteinander. In der Mitte der Arbeit (mit nassem und teilweise frisierten Haar) legte Frau T. ihre Werkzeuge nieder, setzte sich und wandte sich mit einer kurzen und direkten Frage an mich: „Gibt es die Hölle?“ Ganz überrascht antwortete ich nach einer Weile. Die nächsten Fragen strömten wie Wasser und viele davon betrafen Versöhnung und Vergebung. Ich hatte den Gedanken, ihr das Gleichnis vom verlorenen Sohn zu erzählen, um einen guten Stoff für unser weiteres Gespräch zu gewinnen. Nach allem, was ich vermuten kann, hat Frau T. dieses Gleichnis zum ersten Mal gehört. Als ich an die Stelle kam, wo die Schrift vom Treffen des zurückkehrenden Sohnes mit dem Vater spricht (Lk 15,18...), begannen wir beide gleichzeitig zu weinen. Dieses Wort über die Güte, das Wohlwollen, die Geduld, das Barmherzigkeit, das Warten, das Vergeben, kurz über die Tiefe der Liebe Gottes, sprach uns tief an. Wir verabschiedeten uns herzlich und meine Friseurin bemerkte, dass es gut sei, dass ich immer erst abends komme und es daher gut möglich sei, dass wir beim nächsten Mal wieder alleine sind, um unser Gespräch fortzusetzen. An diesem Abend kam ich sehr spät nach Hause, beschenkt mit Trost in Form innerer Freude.

Dieses kleine Zeugnis habe ich als Dank an unseren himmlischen Vater geschrieben, der treu ist und über jedes Haar weiß, das uns von unserem Kopf fällt :).