Schule der Tugend

Zum 300. Jahrestag der Entdeckung der „Schule der Tugend“

P. Michael Plattig O.Carm.

Vor 300 Jahren, im Jahr 1693, wurde in Bamberg ein Buch mit dem Titel „Einfache und leichte Weise, sich der inneren Betätigung zu widmen“ gefunden. Es enthält eine Zusammenfassung der Lehre über Gebet und Spiritualität der „Touraine-Reform“, die im 17. Jahrhundert aus Frankreich (Provinz Tours) stammt, sich im gesamten Karmelitenorden alter Observanz ausbreitete und bis in unser Jahrhundert wirkte. Der Autor, P. Hyacinthus und Matre Dei (von der Gottesmutter) (1652–1723), war Theologe, Novizenmeister, Prior verschiedener Klöster und Provinzial der oberen deutschen Karmelitenprovinz und verfasste dieses Buch als Anleitung für Novizen, also für Anfänger im Gebet. Weitere Ausgaben (bisher sind fünf deutsche und drei lateinische bekannt) tragen den Titel „Neue geistreiche und lehrreiche Schule der Tugend, in welcher der Weg und das Verhalten beschrieben wird, wie man sich der inneren Betätigung widmen und nützlich in der Gegenwart Gottes wandeln kann“, daher wird das Werk im weiteren Text mit „SC“ (Schule der Tugend) abgekürzt. Ich halte die Anregungen dieser Schule des Gebets, ins Deutsche übersetzt, für äußerst aktuell und zeitgemäß, weshalb ich sie kurz und selektiv beschreiben möchte.

Eine grundlegende Voraussetzung ist der Glaube an die Gegenwart Gottes, denn so zitiert die SC den Apostel Paulus aus Apg 17,28: „… in ihm leben, uns bewegen und sind wir…“

Es werden drei Arten der Gegenwart Gottes unterschieden:

1. die bildliche Gegenwart als Wirken der Vorstellungskraft.
2. die verstandesmäßige Gegenwart als Wirken des Verstandes.
3. die Neigung des Herzens als Wirken des Willens.

Zur Übung in diesen Arten empfiehlt die SC verschiedene Formen des Gebets.

Die bildliche Gegenwart übt der Betende mit Hilfe seiner Vorstellungskraft, indem er sich im Geiste vorstellt, wie Jesus mit ihm geht, dass er bei ihm steht, dass er ihn begleitet. Dazu gehört auch das Lesen der Schrift, das Nachdenken über das Leben Jesu, der Gedanke, dass ich an diesen Ereignissen teilgenommen habe. Die SC verweist auf Teresa von Avila als Lehrerin des Schauens. Dazu gehören auch die Anweisungen der karmelitischen Regel, die den Karmeliten an das Nachdenken über das Gesetz des Herrn (der Heiligen Schrift) erinnern und zwar Tag und Nacht, d.h. ständig (vgl. Kap. 7), und in ihm wird der Karmeliten als jemand beschrieben, in dessen Mund und Herzen der gesamte Reichtum des Wortes Gottes wohnen soll, aus dem er dann sein Handeln formen kann (vgl. Kap. 14).

Bei diesem Nachdenken geht es nicht um rein schöpferische Werke der Vorstellungskraft, wie die Methode des Gebets der Direktionen (Richtungen) zeigt. Es geht immer darum, über das eigene Handeln im Kontext der biblischen Texte nachzudenken und daraus Anregungen und Richtlinien zu gewinnen. P. Carlos Mesters O.Carm., ein Exeget in Brasilien, verwendet hierfür ein eindrucksvolles Bild: wie ein Fernseher an die Antenne angeschlossen sein muss, um ein scharfes Bild zu erhalten, so muss auch das Leben an die Schrift angeschlossen sein, um Schärfe und Konturen zu bekommen. Der Bewegung geschieht also in dieser Hinsicht von der Schrift zum Leben und vom Leben zur Schrift. Dabei kann die Schrift nicht als Kochbuch nach dem Motto „nehmt…“ verstanden werden, noch kann sie einfach als Vorratskammer frommer Sprüche verwendet werden, sondern der Prozess dieses Transfers ist recht kompliziert und je nach Umständen zeitraubend, erfordert also Geduld und Ausdauer. Es geht um das Suchen nach Antworten und Anregungen aus der Heiligen Schrift, dem Leben und der Botschaft Jesu für mein Leben. Dabei kann natürlich nicht jeder Text, jedes Wort, jedes Ereignis gleich wichtig sein, es werden immer nur einige Texte sein, vielleicht oft nur Worte, die treffen und passend sind, die aber weiterführen, und das ist wichtig. Da wir (hoffentlich) uns ständig weiterentwickeln, werden sich im Laufe unserer Entwicklung die biblischen Stellen ändern, die gerade aktuell sind.

In der SC geht es also um den Transfer der Schrift, bildreich und handlungsorientiert, in unser Leben. Es ist eine Art der Meditation, über die bei Maria gesagt wird: „Maria bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen und dachte darüber nach“ (Lk 2,19). Es ist ein Nachdenken über Ereignisse, Realitäten im Hintergrund unseres Glaubens, deren grundlegende Quelle die Heilige Schrift ist. Die Meditation, die ohne kostspielige Technik und Belehrung auskommt, deren Gegenstand einfach das eigene Leben und Erlebnis ist. Unter Meditation versteht man ursprünglich nicht die Lehre vom Gebet in einer bestimmten Körperhaltung, sondern das ständige Klingen der Psalmen und der Worte der Schrift und ebenso das Nachdenken über die Schrift, bis sie ihren letzten belebenden Saft entfaltet, und das jeden Tag.

Bei der Übung der verstandesmäßigen Gegenwart geht es um die Verwendung des menschlichen Verstandes, es bezieht sich also eher auf erkennendes Wissen, z.B. das Erkennen des Schöpfers in allem Geschaffenen und sein dankendes Lob. Es geht darum, über die größeren Zusammenhänge unseres Lebens vor dem Angesicht Gottes in das Gebet zu gehen. Hierzu dienen wiederum Anleitungen (Direktionen), Dankgebete und auch Stoßgebete.

In der Direktion (= gerade aus führen) wird mein Handeln bewusst vor dem Antlitz Gottes vollzogen, mein Handeln wird in Beziehung zu dem rettenden Handeln Gottes gesetzt. Im Nachdenken darüber zeigt sich dann, inwieweit mein Handeln dem Willen Gottes entspricht oder nicht. Das ist natürlich oft schwieriger und langwieriger, als es scheint, denn so klar und deutlich ist der Wille Gottes meistens nicht. Dennoch bleibt das Vertrauen, dass ich nach ehrlicher Mühe, gründlichem Nachdenken und verantwortlichem Entscheiden vor dem Antlitz Gottes richtig handle, selbst wenn sich später vielleicht etwas anderes herausstellt, und dass in dieser Suche nach Übereinstimmung mit dem Willen Gottes Frieden und innere Ausgeglichenheit wächst.

Stoßgebete, die fortlaufend vom Verstand formuliert werden, sollen das Bewusstsein für die Gegenwart Gottes täglich schärfen und immer wieder seine Teilhabe an diesem ständigen Entscheidungsprozess ins Gedächtnis rufen. Diese kurzen Gebete werden für die unterschiedlichsten täglichen Situationen und Geschehnisse empfohlen, also beim Aufstehen, auf dem Weg zur Arbeit, während der Arbeit, aber auch bei bestimmten Gemütsbewegungen wie Freude, Angst, Niedergeschlagenheit usw. Als Quelle für diese Stoßgebete empfiehlt die SC eigene Worte, legt jedoch auch hier dem Betenden die Worte der Schrift, insbesondere der Psalmen, ans Herz, denn „das Wort Gottes ist lebendig, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; … es ist ein Richter über die Gedanken und Absichten des Herzens“ (Hebr 4,12).

Für beide diese Übungen kann der Betende viel selbst tun, er kann seine Vorstellungskraft und seinen Verstand einsetzen und nutzen. Doch beim dritten Übung, der Neigung des Herzens als Wirken des Willens, kann der Mensch nur vorbereitet sein. Das eigentliche Geschehen, nämlich die herzliche Liebe zu Gott, die sich in freudigen und brennenden Stoßgebeten äußert, ist und bleibt ein Geschenk Gottes. Für den Menschen geht es darum, mit Geduld und Ausdauer in der Gegenwart Gottes zu wandeln, sich darin zu üben, dann lässt sich Gott erfahren, jedoch wie, wann und wo er selbst will.

Die Übung erfordert Geduld und Ausdauer, je nach Umständen auch immer wieder die Mühe eines neuen Anfangs. Die SC gibt dafür einige Ratschläge. Für diese Art des Gebets reicht es aus, einige gute Gedanken im Hinterkopf zu haben, mit denen man Gebete formulieren kann, kurz und ohne große Worte.

Sehr oft bekennen sich die Menschen, dass sie unfromm gebetet haben. Vorrausgesetzt, dass es sich nicht nur um einen „Scheingrund” handelt oder dass sie sich nur „aus Vorsicht” bekennen, wird damit offensichtlich diese unvollständige Einstellung zum Gebet gemeint, dass der Mensch sich nicht ausschließlich auf das Gebet konzentriert, sondern dass die Gedanken abschweifen. Abgesehen davon, dass die Konzentration auf das Gebet eine ständige Aufgabe bleibt und dass die Zeiten des Gebets notwendig bewahrt werden müssen, müssten wir dennoch im Rahmen unserer Tradition festhalten, dass dies während der Arbeit, auch während des Tages nicht möglich, aber auch nicht notwendig zu realisieren ist. Es genügt, einige gute Gedanken zu haben, ja, sogar sollten wir die Gedanken, die uns anscheinend vom Gebet ablenken, zum Inhalt unseres Gebets machen und sie Gott gerade deshalb vortragen, weil sie uns gerade beschäftigen; wenn wir mit Gott über unser Leben sprechen wollen, gehören diese Gedanken dazu, weil sie zu uns gehören. Genauso wie unser guter Wille, zu beten, ebenso wie die gedanklichen Höhenflüge, so gehören unsere Unfähigkeit, unsere Müdigkeit und Lauheit, unsere Trockenheit und Mangel an Fantasie zu unserem Gebet, wenn es ganz, beständig und damit im Sinne der Heiligen Schrift sein will.

Die SC empfiehlt zudem, sich einmal mit einem Gedanken, einem Wort immer wieder, den ganzen Tag über zu beschäftigen. Hier kann uns sicher irgendein geistliches Werk oder eine Sammlung von Sentenzen, wie sie von verschiedenen Autoren angeboten werden, hilfreich sein, jedoch können sie uns nur als Gedächtnishilfe dienen und können nicht das durchgehende Lesen der Schrift oder einen umfangreicheren Lesestoff geistlicher Autoren ersetzen.

Schließlich warnt uns die SC davor, bei dieser Übung irgendeine Form von Zwang anzuwenden, sei es gegenüber sich selbst oder gegenüber Gott. Das Verweilen in der Gegenwart Gottes kann nicht erzwungen werden, es kann nur geduldig geübt werden, und wenn die Übung nicht gelingt, dann genügt es Gott, dass wir um Erfolg bitten, dass wir ihm unseren guten Willen zu Füßen legen und damit gerade unsere Unfähigkeit in die Gegenwart Gottes hineinziehen, um ihm alles zu berichten.

Im Vorwort beschreibt Hyacinthus und Matre Dei das Gebet und sein Ziel: „Es ist die allgemeine Meinung der heiligen Väter, dass das innere Gebet das beste und stärkste Mittel ist, durch welches sich ein Ordensmitglied von vielen Sünden befreit, böse Gewohnheiten überwindet, Leidenschaften zähmt, Versuchungen überwindet, Tugenden erlangt und in kürzester Zeit die Einheit seines Herzens mit Gott erreicht, in dem die wahre Vollkommenheit besteht. Daher sagt die heilige Teresa von Avila: „Das Nachdenken ist das einzige Mittel, um aus Sünden aufzustehen und wieder auf den richtigen Weg des Glücks zu gelangen“, weiterhin sagt sie, dass das Nachdenken der Anfang zum Erreichen der christlichen Tugenden ist, ja, das Leben eines Christen besteht im Nachdenken, ohne das der Christ, und erst recht das Ordensmitglied, tot ist… Wo jedoch das Nachdenken fleißig und ununterbrochen praktiziert wird, sagt Teresa, sind die Türen der göttlichen Gnaden und Gaben geöffnet; und da die unendliche Güte nichts anderes verlangt, als in unsere Herzen sich auszuschütten und sich mit uns zu vereinen, geschieht mit Sicherheit, dass solche Menschen täglich mehr und mehr in Tugenden wachsen, von allen irdischen Regungen gereinigt werden, den himmlischen süßen Geschmack kosten und so verwandelt werden in einen neuen Menschen, sich mit Gott identifizieren.“

Aus: Karmel-Kontakt, Rundbrief für den Freundeskreis
der Karmeliten 51/1993, S. 4–5

Übersetzt von Dr. Vojtěch Pola.