Lassen wir uns nicht einreden, dass es eine Stärke eines Katholiken sei, politisch neutral zu sein.

Lassen wir uns nicht einreden, dass es eine Stärke eines Katholiken ist, unpolitisch zu sein. Das Interesse an Politik sollte einfach ein Interesse an einem der einflussreichsten Bereiche des Lebens der modernen Menschheit sein. Wer dieses Interesse nicht hat, wer sich sogar damit rühmt, es nicht zu haben, ist kein wahrer Christ. Er hat die Worte „Mitleid habe ich mit der Menge“ nicht verstanden.

Über die Grenzen von Ländern, und damit über die Abtrennung, Zerschlagung oder Verbindung von Hunderttausenden Einzelpersonen, über die Verschiebungen und Abwanderungen von Bevölkerung, die oft alles bedeuten, sogar das bloße physische Leben, über die Preise von Brot und Arbeitszeiten, über Schulen und deren Organisation und über so viele andere Dinge wird in der Politik entschieden. Wie seltsam müssten wir Menschen sein, wenn wir an all dem nicht interessiert wären. Das Interesse daran, wer diese Dinge macht, wie er sie macht, nach welchen Prinzipien er sie macht. Auch das Bestreben, an ihrer Ausgestaltung teilzunehmen, sollten wir haben. Daher ist auch die Vorliebe für Diktatoren nur eine Art von egoistischem Abwälzen der Verantwortung, der Wunsch nach fauligem Frieden, in dem es nichts Christliches gibt.

Ich kann die Notwendigkeit von Gerechtigkeit, Liebe und Menschlichkeit predigen und dabei gleichgültig gegenüber dem Tun von Politikern sein, die durch ihre Ungerechtigkeit tausende Leben und tausende menschliche Existenzen zerstören. Ich kann mir nicht helfen, aber niemand wird mich überzeugen, dass heute, wo in der Slowakei fieberhaft auf das Ergebnis des Prozesses gegen Tiso gewartet wird, derjenige die nützlichste und apostolischste Arbeit verrichtet, der z.B. einen Vortrag über barocke Bauwerke des 17. Jahrhunderts hält oder über die Frage, ob das eingegebene Gebet von allen Christen oder nur von besonders Auserwählten normal erreichbar ist. Auch das sind schöne Themen für Vorträge, aber unter den gegebenen Umständen stehen sie nicht an erster Stelle. Und deshalb werde ich meinen Brüdern den besten Dienst erweisen, nicht indem ich über das, was anecken könnte, schweige, sondern indem ich beharrlich und geduldig zeige, wie alle täglichen Ereignisse am Ewigen hängen.

(Adolf Kajpr SJ /1902–1959/;
Auszug aus dem Artikel Ist es besser, unpolitisch zu sein?, veröffentlicht in „Katolik“, 20. April 1947;
zitiert nach dem Buch Die Gegenwart ist die eigene göttliche Zeit. Refugium 2021)