Ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche

Wünsche, an denen wir uns zu sehr festhalten, rauben uns leicht einen Teil dessen, was wir sein sollten und könnten. Wünsche, die wir immer wieder überwinden, um die gegenwärtige Aufgabe zu erfüllen, bereichern hingegen. Wer keine Wünsche hat, ist arm. Ich sehe jetzt um mich herum fast nur Menschen, die an ihren Wünschen festhalten, und deshalb für ihr Umfeld nichts bedeuten, sie sind taub und unfähig, ihren Nächsten zu lieben. Ich glaube, dass wir auch hier leben müssen, als gäbe es keine Wünsche und keine Zukunft, und ganz das sein müssen, was wir sind. Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche; das ist ungefähr das, was ich eigentlich sagen wollte. (…) Andernfalls muss ich ergänzen, dass ich mehr denn je daran glaube, dass wir auf die Erfüllung unserer Wünsche zusteuern, und deshalb dürfen wir uns der Resignation nicht hingeben.

(Dietrich Bonhoeffer /1906–1945/, Brief aus dem nationalsozialistischen Gefängnis an einen Freund, 19. März 1944;
zitiert nach dem Buch Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Hingabe, Briefe aus dem Gefängnis. Kalich 2023)