Der Geliebte hat sich in mir niedergelassen.

Er lächelt auf außergewöhnliche Weise in die Seele...Maria Petyt (1623–1677)

Das wunderbare göttliche Gute zeigt sich dem Menschen mit großer Anmut, voller Entzücken und Leben, und verschafft ihm eine solche Erfüllung, dass sie nicht beschrieben werden kann. Es lächelt auf außergewöhnliche Weise in die Seele, und deshalb nenne ich es das bezaubernde Antlitz meines göttlichen Geliebten.

Wenn dieses höchste Gute sich zeigt, wird die Seele sofort ergriffen und erhebt sich mit leidenschaftlicher, glühender Liebe zu ihm; sie entflammt, sehnt sich danach, ihm näher zu kommen, sich liebevoll an ihn zu binden, ihn zu umarmen und zu erfahren. Das ist die von Liebe erfüllte, glückliche Begegnung mit dem Geliebten; und wenn mein Liebster mich seiner Freundschaft würdig macht und bereit ist, meinen verliebten Flügel, mein Entflammen und meine liebevolle Fürsorge zu erwidern, nähert er sich der Seele, prägt sich in ihr Inneres ein und drückt sie in sein Inneres.
Durch die Kraft gegenseitiger Liebe verwandeln sich beide eins in den anderen und vereinen sich. Dies ist eine Vereinigung, in der jeder Unterschied zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf aufhört, denn beide sind in der Liebe eins gemacht.

Zu Beginn dieser Vereinigung nahm ich deutlich wahr, dass Christus sich gleichzeitig zu dem Menschen neigt. Er zieht ihn ein wenig zu sich und küsst ihn mit seinen Lippen mit einem Kuss des Friedens. Er prägt den Menschen in sein Inneres ein, verwandelt ihn in Liebe, »verzehrt ihn« und vereint sich mit ihm. Dies geschieht nahezu auf die gleiche Weise wie die Vereinigung mit der Gottheit, jedoch nicht mit der gleichen Glühendheit und nicht mit dem gleichen erlebten Trost.

Wenn ich meinen geliebten Jesus sehe, der mich mit Liebe ansieht und mir zulächelt, erwache ich sofort aus dem Schlaf der Liebe, laufe zu ihm, umarme ihn, und er nimmt mich in seine Arme mit Worten, die von Liebe überfließen, mit liebevollen Seufzern. Es ist wie eine stumme Sprache, die nur flüchtig, nur halb ... Oft berührt mich der Geliebte zuerst, umarmt mich freundschaftlich und küsst mich liebevoll; so schmust er mit mir, und ich, erschöpft, sinke nieder und ruhe in seinen Armen. So gelehnt an ihn falle ich wieder in den glühenden Schlaf der Liebe. Manchmal werde ich halb wach wegen des süßen Ausbruchs der Liebe in meinem Inneren oder weil ich an den Geliebten denke, um etwas von ihm zu bitten. Ich bleiben liebevoll auf den Geliebten gerichtet, aber die Liebe kann nicht lange schlafen oder ruhen, sondern ist von Natur aus aktiv und möchte ständig beschäftigt sein.

Der Geliebte hat sich in mir niedergelassen und hat mich zu seinem Ruheort gewählt ... Mein Herz ist der »Hof der Freude«, in dem der Geliebte Freude hat und in dem er Vergnügen findet. Oh, eifersüchtiger Liebhaber! Geliebter, verrückt (darf man so reden?) vor Liebe! Du willst keinen einzigen »umherirrenden« Blick dulden; schon erinnerst du mich daran: Sieh mich an! Reicht es dir nicht? Ich sättige dich, erfreue dich, ich bin deine Erfüllung; ich bin ganz dein und du bist ganz mein.
Meine Seele antwortet wie ein Echo, ja, wie ein doppeltes Echo: Ja, mein Liebster, ich bin ganz dein und für dich, und du bist ganz mein und für mich – ohne Vermischung mit Geschöpfen. Dann scheint es, als öffne und weite sich das Herz auf wunderbare Weise in Gott, sodass es fähig ist, den Geliebten anzunehmen und sich mit ihm durch klares Wissen und reine Liebe zu vereinen.

Das innere Licht und meine Erfahrung lehren mich, dass für den Menschen, der den »nackten« Geist in seinem glühenden, geistigen und verborgenen Wirken der Liebe entdeckt und gefunden hat, niemals mehr Winter, Nacht oder Dürre existieren wird, sondern nur Sommer, Tag und Sonnenlicht, und dass er Angesicht zu Angesicht mit seinem Geliebten nie verlieren wird. Er kann sich nämlich mit solch einer Leichtigkeit dem Betrachten Gottes widmen und seine Gegenwart in seinem Inneren kosten, wie man eine Tür aufschließt und eintritt, um dort mit seinem Freund zu sprechen.

Entnommen aus dem Buch: Leben aus dem Nichts
Autor: Maria Petyt
Verlag: Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach, 1995
Ausgewählt und übersetzt von: Norbert Žuška, OCarm.