Wir sind von einer jahrhundertealten spirituellen Tradition getragen.

Liebe Eltern!
Ich kann nicht anders, als Ihnen für alle Fälle jetzt schon einen Weihnachtsbrief zu schreiben. (…) Ich muss Ihnen nicht sagen, wie sehr ich nach Freiheit und nach euch allen sehne. Doch über Jahrzehnte haben Sie uns so unvergleichlich schöne Weihnachten bereitet, dass bereits die dankbare Erinnerung daran stark genug ist, um selbst die dunkleren Weihnachten erhellen zu können. In solchen Zeiten zeigt sich überhaupt erst, was es bedeutet, eine eigene Vergangenheit und ein inneres Erbe zu haben, das nicht von den Wandlungen der Zeiten und von Zufällen abhängt. Das Bewusstsein, dass wir von einer jahrhundertealten geistlichen Tradition getragen werden, gibt dem Menschen inmitten vorübergehender Leiden ein verlässliches Gefühl von Sicherheit. Ich denke, dass derjenige, der von solchen eigenen Kraftreserven weiß, sich nicht einmal für eine gewisse Rührung schämen muss, die die Erinnerung an eine reiche und gute Vergangenheit hervorruft (…).

(Dietrich Bonhoeffer /1906–1945/, Brief aus dem nationalsozialistischen Gefängnis, 17. Dezember 1943;
zitiert nach dem Buch Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Hingabe, Briefe aus dem Gefängnis, Kalich 2023)