Er ist mitten unter uns, lass uns nicht woanders danach suchen.

Er ist mitten unter uns, suchen wir ihn nicht woanders...Laurentius von der Auferstehung (1614–1691)

Meine gute Mutter! (1)

Gott weiß gut, was wir brauchen, und alles, was er tut, geschieht zu unserem Wohl. Wenn wir wüssten, wie sehr er uns liebt, wären wir immer bereit, sowohl das Gute als auch das Bittere aus seiner Hand zu empfangen; und selbst die unangenehmsten und härtesten Dinge wären uns lieb und angenehm.

Die schwersten Leiden erscheinen uns normalerweise nur aus dem Blickwinkel, von dem aus wir sie betrachten, als unerträglich; und wenn wir überzeugt sind, dass es die Hand Gottes ist, die an uns arbeitet, dass es der gütige und liebevolle Vater ist, der uns in diesen Zustand der Erniedrigung, des Schmerzes und des Leidens gebracht hat, hört dieser Zustand auf, bitter für uns zu sein, und alles scheint uns süß zu sein.

Lasst uns ganz darauf konzentrieren, Gott zu erkennen. Je besser man ihn kennt, desto mehr wünscht man sich, ihn zu erkennen. Und da die Liebe normalerweise durch das Wissen gemessen wird, ist je größer die Liebe, desto tiefgehender und komplexer unser Wissen über Gott. Und wenn wir große Liebe haben, werden wir ihn in Leiden ebenso lieben wie in Trost.

Lasst uns nicht nur bei Gott bleiben, weil wir ihn wegen der Gnaden suchen oder lieben, die er uns erwiesen hat, so edel sie auch sein mögen, oder wegen einer Gnade, die er uns geben könnte. Diese Zeichen seiner Gunst, so groß sie auch sein mögen, bringen uns nicht so nah zu Gott wie der schlichte Akt des Glaubens; lasst uns oft durch diese Tugend nach ihm suchen. Er ist mitten unter uns, suchen wir ihn nicht woanders. Ist es nicht Unanständigkeit unsererseits, oder sündigen wir sogar, wenn wir ihn allein lassen und uns mit tausend Belanglosigkeiten beschäftigen, die ihm missfallen und ihn vielleicht sogar beleidigen? Und doch erträgt er es! Aber wir müssen befürchten, dass es uns eines Tages teuer zu stehen kommt.

Lasst uns ihm völlig angehören, vertreiben wir alles aus unserem Herzen und unserem Geist, was nicht er ist: Er will der Einzige sein, bitten wir ihn um diese Gnade. Wenn wir unsererseits alles tun, was wir können, werden wir bald eine Veränderung an uns sehen, auf die wir hoffen. Ich kann ihm nicht genug für die kleine Erleichterung danken, die er euch gewährt hat.

Ich hoffe, dass mir seine Barmherzigkeit die Gnade gewährt, ihn in ein paar Tagen zu sehen. Beten wir füreinander. In unserem Herrn

Ihr etc.

(1) Brief vom 6. Februar 1691, also 6 Tage vor dem Tod von Bruder Laurentius (†12. Februar); er ist an dieselbe schwer kranke Nonne adressiert, an die auch die vorhergehenden drei Briefe gerichtet sind.

Entnommen aus dem Buch: Bruder Laurentius von der Auferstehung, Gesammelte Werke
Herausgeber: sr. Ancilla Karl OCD und P. Antonio Sagardoy OCD
Verlag: CERF Paris, 1991
Übersetzt von: Norbert Žuška, O.Carm.