Die Gottesmutter hat uns die innere Vereinigung mit Gott geschenkt
Ich möchte kurz auf den großen Nutzen hinweisen, der aus der Erweiterung des Bildes von Gott resultiert, von dem wir gesprochen haben, nämlich: unsere verwundete Gesellschaft kann so Heilung finden. Das von uns skizzierte Gottesbild führt den Menschen zweifellos aus seiner Isolation und zeigt ihm, dass sein Leben nicht unabhängig ist.
Diese Vorstellung von Gott verbindet den Menschen nicht nur mit Gott selbst, sondern in Gott, durch Gott und mit Gott sieht sich der Mensch auch mit allen anderen Menschen vereint. Aus dieser Perspektive hat die Gesellschaft ihr Fundament in der tiefsten Vereinigung Gottes mit allem, was existiert. Die Anerkennung der wechselseitigen Abhängigkeit ist eine der ersten Voraussetzungen für den Wiederaufbau der gestörten Ordnung.
Welches Bild von Gott könnte hier fruchtbarer sein als eines, das unserer Zeit entspricht? Ein solches Gottesbild schwächt auf doppelte Weise die kommunistischen Irrlehren. Erstens zeigt es uns, dass die Natur, auch die, die stark und wirkungsvoll in der Gesellschaft ist, nicht unabhängig ist, sondern die Absichten verwirklicht, die Gott als Richtlinien in sie gelegt hat. Und zweitens führt es uns aus viel tiefgründigeren und klareren Gründen zu einem neuen, fruchtbareren »Kommunismus«, indem es die Menschen vereint und ihnen zeigt, dass sie durch Gott verbunden und einander geschenkt sind.
Die Geschichte warnt uns jedoch, dass wir das Bild von Gott nicht zu einseitig verkünden und verbreiten dürfen. Lassen Sie uns also noch in wenigen Worten die doppelte Gefahr erwähnen, die hier entstehen kann.
Die Intuition, die Sicht auf Gott, darf den Geist nicht von der Suche nach vernünftigen Gründen ablenken. Keine Alogismen (1), sondern gesunde Argumentation und Wissenschaft müssen das Bild von Gott entwickeln... Wenn wir dies nicht betonen und das Konzept von Gott nicht auf solide wissenschaftliche Weise entwickeln, wird es nicht die Kraft haben, zu Taten zu inspirieren. Und deshalb freuen wir uns, dass wir uns mit dem Begriff von Gott nicht nur in der Spiritualität beschäftigen, sondern dass auch die Philosophie und Theologie ihn näher untersuchen und in Harmonie mit dem, was wir über Gott aus der Meditation und der Offenbarung wissen, erklären und entwickeln... Für die katholische Wissenschaft, die dem tatsächlichen Fortschritt dienen will, hat es einen unschätzbaren Wert, dass in unserer Zeit dem Bild von Gott so große Aufmerksamkeit geschenkt wird und dass Fragen aller Art nicht getrennt von dieser Wirklichkeit betrachtet werden. Leider geschah dies viel zu oft und war die Ursache dafür, dass der Mensch verlernte, das Objekt seines Studiums »in der Tiefe zu durchschauen«, um sich mit Gott zu treffen und ihn als Gott anzuerkennen und zu verehren. Dies schadet keiner Wissenschaft, sondern vertieft sie im Gegenteil sehr und führt sie nach all der Analyse zur Synthese.
Die zweite Gefahr, die wir ebenfalls nicht unterschätzen dürfen, ist, dass eine pragmatische Interpretation des Begriffs von Gott zur Oberflächlichkeit führen kann. Wir waren bereits in der Geschichte des spirituellen Lebens Zeugen dessen, dass ein einseitiges Üben der Tugenden zu einer Verflachung des spirituellen Lebens führte. Wir müssen also wachsam sein, damit wir nicht unbewusst wieder in diese Richtung gleiten. Auch wenn es erforderlich ist, dass unser Glauben sich im Handeln zeigt und zum Handeln führt, müssen wir gleichzeitig im Hinterkopf behalten, dass die innere Glut noch notwendiger ist. Handeln allein reicht nicht aus, wenn es nicht bewusst aus der Gegenwart Gottes in unserem Inneren abgeleitet wird, wenn unsere Taten nicht davon motiviert sind, dass Gott uns in der Tiefe unseres Seins dazu aufgefordert hat oder uns dazu mit seinem Rat angeregt hat. Nur so hat das äußere Handeln die innere Kraft und ist es ein Ausdruck des voll menschlichen Lebens.
Wir leben und sprechen gerne in Bildern und Gleichnissen. Wir sind dankbar für Beispiele, für Hilfe. Auch für die Entwicklung einer richtigen Vorstellung von Gott fehlt uns kein Vorbild.
Maria, die Mutter des fleischgewordenen Gottes, hat uns einst Gott als Immanuel geschenkt. Er starb am Kreuz, um uns mit Gott zu vereinen und uns mit seiner Gnade zu erfüllen. So wurde er auch durch die Gnade in uns geboren. Dies geschah, damit unsere Natur wieder dorthin zurückfinden konnte, was sie verloren hatte – zur Vereinigung mit Gott, und damit diese Vereinigung noch innerlicher und intensiver sein konnte (als vor dem Bruch). So hat uns die Gottesmutter die innere Vereinigung mit Gott geschenkt und selbst wurde sie sein vollkommenstes Vorbild.
Lassen wir sie deshalb immer vor Augen. Maria ist mehr als ein Beispiel; sie ist berufen, unseren Blick auf Gott zu lenken. Im Kind in ihrem Schoß erkennen und verehren wir Gott durch die Offenbarung. Möge uns Maria Gott in allem zeigen, was er geschaffen hat, damit er in uns lebt wie in ihr und durch unser Handeln sich wieder in dieser Welt gebären kann.
(1) Aussagen, die der Logik widersprechen.
Entnommen aus dem Buch: Engagierte Mystik
Autor: Titus Brandsma
Herausgegeben von: Bonifatius-Verlag Paderborn, 1991
Übersetzt und bearbeitet von: Norbert Žuška, OCarm.