Bitte öffne diesen Brief nicht, bis du erfährst, dass ich tot bin.
Mein Meister Martin, teuerster Bruder im Christus!
Ich mahne dich im Herrn, Gott zu fürchten, seine Gebote zu halten und der Gesellschaft mit Frauen aus dem Weg zu gehen. (…)
Denke daran, dass ich dich seit deiner Jugend gelehrt habe, Christus Jesus zu dienen – und wie gerne würde ich dich eines Tages in allem, was ich weiß, unterrichten, könnte ich nur! Du weißt auch, dass ich die Habsucht und das zügellose Leben der Geistlichen verurteilt habe. Gerade deshalb leide ich aufgrund der Gnade Gottes Verfolgung, die bald gegen mich vollendet sein wird; ich fürchte mich jedoch nicht, um des Namens Jesu Christi willen geschmäht zu werden. Ich bitte dich auch von ganzem Herzen, nicht nach Reichtum zu gieren. Wenn du zur Verwaltung der Pfarrei berufen wirst, sorge für die Ehre Gottes, für das Seelenheil und für die Arbeit, nicht für die Schweinezucht oder die Verwaltung von Ländereien. Und wenn du Pfarrer wirst, achte darauf, dass du keine junge Köchin hast, damit du nicht eher ein Haus als eine Seele baust. Sieh zu, dass du ein Baumeister des geistlichen Tempels bist, den Armen hilfst und in Demut lebst – und dass du den Besitz nicht mit Schmausen verschwendest.
Ich fürchte auch, dass, wenn du dein Leben nicht änderst und dich von schönen und überflüssigen Kleidern distanzierst, du vom Herrn streng getadelt werden wirst – ebenso wie ich, der Unglückliche, der sich mit solchen Dingen beschäftigt hat, als ich mich von den schlechten Gewohnheiten der Menschen und ihrem Lob verleiten ließ, vom Geist des Stolzes gegen Gott getroffen.
Und da du seit deiner Jugend meine Predigten und öffentlichen Auftritte gut kennst, brauche ich dir nichts Weiteres zu schreiben. Ich bitte dich jedoch um die Barmherzigkeit Jesu Christi, mir in keiner Leichtfertigkeit zu folgen, die du an mir gesehen hast. Du weißt, dass ich, bevor ich Priester wurde, – ach weh! – gerne und oft Schach spielte, dabei die Zeit verlor und oft durch dieses Spiel andere und mich selbst unglücklich machte. Deshalb gebe ich mich auch für die unzähligen Sünden, die ich begangen habe, deinen Bitten an den barmherzigsten Herrn hin, dass er mir vergibt, dass er meinen Lebenswandel leitet und dass er mich nach Überwindung der Versuchungen dieses gegenwärtigen Alters – des Leibes, der Welt und des Teufels – schließlich am Jüngsten Tag in die himmlische Heimat einführe.
Sei gegrüßt in Christus Jesus zusammen mit all denen, die sein Gesetz halten. Du kannst mein graues Kleid als Andenken behalten. Ich denke jedoch, dass dir die graue Farbe missfallen wird; gib es daher wem du für geeignet hältst. Das weiße Kleid gib dem Pfarrer, meinem Schüler. Gib auch dem Georg (Georgi) eine Menge Groschen oder sogar das graue Kleid, weil er mir treu gedient hat.
(Jan Hus /1370–1415/, Brief an Meister Martin aus Wolhynien, Anfang Oktober 1414;
in zeitgenössisches Deutsch übertragen von Alexandr Flek)