Dokument „Für Sie bin ich geboren“ (5. Teil)

Dritter Teil:1
Kriterien für die Anordnung der teresianischen Lektüre und konkrete Vorschläge

I. Kriterien für die Anordnung der Schriften der hl. Teresa

hl. Teresa von Ávila32. Das erste Kriterium ergibt sich aus der persönlichen geistlichen Erfahrung der Mutter Teresa. Seit ihrer Bekehrung sammelte sie, gestützt auf das innere Gebet, Erfahrungen einer sich immer vertiefenden Begegnung mit der Person Jesu Christi, an den sie glaubte, den sie liebte und in den sie ihre Hoffnung setzte. Mit seiner Hilfe drang sie in das Leben der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ein und widmete sich durch die Übung der apostolisch und missionarisch ausgerichteten Kontemplation dem Dienst an der Kirche. Daher muss auch unsere Lektüre uns zu Christus führen, sein Angesicht zur Kontemplation anrufen und uns anregen, ihm ähnlich zu werden und ihn als das Wort aus der Perspektive von Zeugen seiner Liebe zu verkünden.

33. An zweiter Stelle, im Hinblick auf die Kraft des Wortes Gottes und der Heiligen Schrift in der teresianischen Erfahrung und in Übereinstimmung mit der wieder neu gewerteten Biblischen Wort im Leben und der Sendung der Kirche (vgl. Bischofssynode, Oktober 2008), sollte eine solche Lektüre der Werke Teresas angeboten werden, die aus einer biblischen Perspektive hervorgeht, die im teresianischen Verständnis eng mit der Liturgie verbunden ist, „Quelle und Höhepunkt des geistlichen Lebens“ (SC 10).

34. An dritter Stelle, aus der einzigartigen Erfahrung Teresas von der Kirche heraus, kann als weiterer Schlüssel zur Lektüre ihrer Schriften das Wahrnehmen der Bedürfnisse der heutigen Kirche und das Bemühen, darauf in der Spiritualität und Evangelisation zu reagieren, vorgeschlagen werden, wobei von drei Koordinaten der nachkonziliaren Ekleziologie ausgegangen werden kann, die im Dokument Vita consecrata: Weihe, Gemeinschaft und Sendung zusammengefasst wurden.

35. Die Werke der heiligen Teresa von Jesus beschreiben einen Brüderstil, der für unsere moderne Gesellschaft von besonderer Bedeutung ist, die von Individualismus geprägt ist, wo immer deutlichere Zeichen der Gemeinschaft notwendig sind, die universelles Brüdersein durch ein Leben verkünden, das von Armut, Keuschheit und Gehorsam erfüllt ist: „Ich habe beschlossen, das wenig zu tun, was ich tun konnte, nämlich die evangelischen Ratschläge mit aller Vollkommenheit zu befolgen, die mir möglich ist, und mich zu bemühen, dass die wenigen Schwestern, die hier sind, das Gleiche tun, im Vertrauen auf die große Güte Gottes, die nie versäumt zu helfen, dem, der sich für ihn entscheiden will, alles zu verlassen“ (CV 1,2; vgl. VC 87).

36. Ein weiteres Kriterium für die Lektüre bietet die apostolische und missionarische Dimension, die aus dem Leben und den Werken der Heiligen strahlt. Dabei ist hervorzuheben, dass sie das österliche Mysterium als Quelle aller Evangelisation erlebt, und den apostolischen Dienst, den die Kirche heute vom geweihten Leben verlangt, wie es im dritten Teil des Dokuments Vita consecrata mit dem Titel „Dienst der Liebe“ deutlich wird.

37. Schließlich, da wir überzeugt sind, dass die Werke der Heiligen eine Botschaft enthalten, die für unsere Zeit und für alle Kulturen gültig ist, fordern wir auf, sie mit offenen Augen für die Gegenwart zu lesen, mit einem neuen religiösen und kulturellen Gespür, mit ständigem Bewusstsein der unterschiedlichen kulturellen und religiösen Kontexte, in die unser Orden eingebettet ist. Der Rahmen dieser Lektüre kann die Vision bilden, die im Dokument der Generalkapitulation von 2003 entwickelt wurde: Auf dem Weg mit der heiligen Teresa von Jesus und dem heiligen Johannes vom Kreuz: zurück zum Wesentlichen, 60–64; 74–78.

II. Konkrete Vorschläge

38. Wir schlagen vor, vom 15. Oktober 2009 bis zum gleichen Datum im Jahr 2014, jedes Jahr sowohl persönlich als auch in der Gemeinschaft eines der Werke der heiligen Mutter Teresa von Jesus zu lesen, mit Hilfe eines Leitfadens, der von einer dazu bestimmten Kommission erstellt wird.2 Wo immer möglich, wird die gemeinschaftliche Lektüre durch [liturgische] Feiern, Wochen der Spiritualität, interdisziplinäre Kongresse über Teresas Werke usw. ergänzt. In jedem Fall werden in den einzelnen Regionen jährliche Treffen stattfinden, um die Ergebnisse des Projekts zu teilen und zu bewerten.

39. Der Leseplan für teresianische Werke wird folgendermaßen sein: Buch des Lebens (2009–2010), Weg der Vollkommenheit (2010–2011), Buch über die Gründungen (2011–2012), Inneres Schloss (2012–2013), Geistliche Beziehungen, Gedichte und Briefe (2013–2014).

40. Das Ziel, das wir uns gesetzt haben, ist, durch das Hören auf die Worte der heiligen Teresa – sowohl persönlich als auch in Gemeinschaften – die Festigung unserer christlichen Existenz auf biblischer und evangelischer Grundlage zu erreichen und unser Leben im Glauben in Gemeinschaft mit der Kirche zu bereichern. Als zeitgenössische Adressaten Teresas müssen auch wir in der Lage sein zu konstatieren, dass die Früchte des Kontakts mit ihren Schriften uns helfen, unser Leben als Unbeschuhte Karmeliter zu verbessern, mit ähnlicher Wirksamkeit, wie sie der heilige Gregor dem Wort Gottes zuschrieb, das „mit dem Wachsenden, der es liest, wächst“, entsprechend dem Glauben und der Liebe des Lesers. Aus diesem Grund wird unsere Lektüre eher von dem bestimmt werden, was in Teresas Schriften für unser Leben wirklich wesentlich ist, als von einem systematischen Interesse.

41. Das Definitorium wird eine zentrale Kommission einrichten, deren Hauptaufgabe es sein wird, sowohl Leseleitfäden oder Hilfsmittel für jedes Jahr zu erstellen, als auch die Initiativen zu unterstützen, zu koordinieren und zu fördern, die in den verschiedenen Bereichen entstehen.

42. Wir werden unseren Leserkreis (der Werke der heiligen Teresa) von Einzelpersonen und Gemeinschaften auch auf die Unbeschuhten Karmelitinnen, den Sekulären Orden, die Teresianische Familie und Laien erweitern, um diese Lektüre zu bereichern. Um in unseren Gemeinschaften und im Rahmen unserer Seelsorge die Lektüre der Werke der heiligen Teresa zu fördern, die mit dem Teilen verbunden ist.

43. Es werden Internetseiten erstellt, die der Verbreitung der Schriften der Mutter Teresa dienen, um deren möglichst einfache Lektüre auch mit neuen Technologien zu ermöglichen.

44. Wir werden das Potenzial von Ávila als Zentrum für den Empfang von Pilgern, insbesondere von Jugendlichen, auf der Grundlage der Initiative des Generalkapitels und in Zusammenarbeit mit dem Konvent „La Santa“ – dem Geburtsort der heiligen Teresa – mit der Pyrenäischen Konferenz der Provinzoberen und der CITeS unterstützen. Hier ist pastoral ein Angebot erforderlich, das auch auf weitere bedeutende teresianische Orte ausgeweitet werden könnte und Pilgerfahrten, Tage der Formation und des Gebets usw. umfassen sollte. In diesem Sinne wollen wir auch den Weltjugendtag, der 2011 in Madrid stattfinden wird, als Gelegenheit nutzen, das Wissen über die Figur und das Werk der heiligen Teresa zu verbreiten.

45. Dieses pastorale Angebot werden wir zudem ergänzen – mit Beiträgen weiterer Ausbildungszentren des Ordens, wie dem Teresianum – durch Initiativen kultureller und wissenschaftlicher Art, durch Kurse und Kongresse, Treffen und Seminare für Fachleute, Übersetzer und Forscher, die sich mit der heiligen Teresa beschäftigen. Es werden konkrete Programme ausgearbeitet, die in verschiedenen Bereichen und Studienzentren für spirituelle Theologie usw. realisierbar sind.

46. Mindestens einmal während der folgenden sechs Jahre wird ein außerordentliches Definitorium stattfinden, das unter den Themen zur Diskussion auch die Bewertung der Wirksamkeit dieses Leseplans umfassen wird.

47. Wir werden zur Ausarbeitung einer kritischen Ausgabe (textus receptus) der Schriften der heiligen Teresa übergehen, sowie zu einem weiteren Vorgehen (modus operandi) bei der Eingliederung neuer Texte, insbesondere was Briefe und weitere Fragmente betrifft, die gefunden werden könnten, um eine einheitliche Zitierweise im Originaltext und in den Übersetzungen zu gewährleisten. Das Definitorium wird sich schnellstmöglich dieses Engagements annehmen, nachdem es dies mit Fachleuten und Verlegern besprochen hat.

48. Das Definitorium wird die Veröffentlichung der Werke der heiligen Teresa in verschiedenen Sprachen in populären und wirtschaftlich erschwinglichen Formaten unterstützen.

Schlussfolgerung

49. Basierend auf der Erfahrung mit dem lebendigen Gott, der uns nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat und der in das Innere jeder Person Wohnung genommen hat, wollen wir das Bewusstsein für unser Charisma im Dienst der Kirche und der Menschheit von heute durch eine systematisch angelegte Lektüre der Schriften Teresas von Jesus erneuern. Wir sehnen uns danach, die teresianischen Werte neu zu erleben und zu teilen: Teresas Sinn für Gott und den Menschen, ihren Geist des Gebets und ihre Offenheit für die Ereignisse unserer Welt, ihre Verantwortung gegenüber der Kirche und ihren apostolischen Geist. Und schließlich wollen wir uns auch ihr anschließen und gemeinsam die Schönheit „der Seelen, an denen der Herr so viel Gefallen hat“, (7H 1,1) kontemplieren, beginnend mit einem erneuerten Bewusstsein für die Würde eines jeden von uns. Auf diese Weise werden wir auch den heutigen Menschen positiv betrachten und voller Hoffnung auftreten und eine kreative Haltung sowohl beim Aufbau des Reiches Jesu Christi als auch bei der Verkündung des neuen Himmels und der neuen Erde einnehmen. „Die Größe Gottes hat kein Ende, noch werden seine Werke es haben“ (ebd.). Gott hat nicht aufgehört zu handeln und ist weiterhin der Herr der Geschichte. Deshalb wollen wir, dass all dies ein großer Beitrag ist, den sich der teresianische Karmel verpflichtet fühlt, damit auch Männer und Frauen des 21. Jahrhunderts Mystiker werden, Menschen, die Gott erfahren haben, den Sinn ihres Lebens entdeckt haben und ihn ihren Zeitgenossen weitergeben wollen.

Gebet zur heiligen Teresa von Jesús

Heilige Mutter Teresa von Jesus,
du hast dich ganz der Liebe hingegeben:
lehre uns, den Weg des inneren Gebets zu gehen,
entschlossen und treu,
mit der Aufmerksamkeit auf den Herrn, den dreieinigen Gott,
der stets in unserem innersten Wesen gegenwärtig ist.

Stärke in uns die Basis
wahrer Demut,
erneuerten Losgelöstheit,
und bedingungsloser brüderlicher Liebe,
in der Schule der Jungfrau Maria, unserer Mutter.

Gib uns deine brennende apostolische Liebe zur Kirche.
Möge Jesus Christus unsere Freude,
unsere Hoffnung und unsere Kraft sein,
die unerschöpfliche Quelle
der tiefsten Vertrautheit.

Segne unsere große karmelitische Familie,
lehre uns, mit ganzem Herzen gemeinsam mit dir zu beten:
„Ich bin dein, Herr, für dich bin ich geboren.
Was wirst du mit mir tun?“ Amen.


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