Hans Urs von Balthasar
„So wie der Vater mich geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe. Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, wie ich die Gebote meines Vaters halte und in seiner Liebe bleibe. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Das habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und eure Freude vollkommen wird.“ (Joh 15,9.10.14.11)
Dieser Abschnitt aus der Abschiedsrede enthält so wunderbare und so wichtige Worte des Herrn an die Jünger, dass wir sie nicht nur bewundern, sondern auch versuchen sollten, sie als Gnade und Herausforderung anzunehmen und unser Leben danach auszurichten.
Ist es nicht – und das ist der erste Punkt, der unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht – sonderbar, dass gleichzeitig von der höchsten göttlichen Liebe und von der Einhaltung der Gebote die Rede sein kann? Für uns Menschen wäre das nicht so merkwürdig, da wir von Natur aus Egoisten sind, und deshalb empfinden wir die geforderte Liebe als Gesetz und Gebot, das uns auferlegt wird. Aber Christus, der die Sünde nicht kennt, bezeichnet sich selbst als jemanden, der den Geboten des Vaters unterliegt. Wenn wir allerdings bedenken, welche Liebe zu den Sündern tatsächlich von ihm gefordert wird: sich auch für diejenigen einzusetzen, die ihn ablehnen, sich über ihn lustig machen, ihn um jeden Preis aus dem Weg räumen wollen und das auf die abscheulichste Weise tun, dann wird uns klar, dass auch ihm, gerade ihm, der uns Menschen wie Freunde geliebt hat, diese Liebe zur härtesten, unerbittlichsten Forderung werden konnte. Und wenn er weiß, dass der Vater ihn liebt, weil er in der Gehorsamkeit seiner Gebote und Anordnungen lebt, führt ihn diese Gehorsamkeit zum Vater so weit, dass er durch die Härte der Gebote sogar das Bewusstsein und das Empfinden der Liebe des Vaters verliert: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Die verkörperte göttliche Liebe wird von der ewigen Liebe verlassen, gerade weil sie bis zur Grenze die Gebote der Liebe einhält.
Warum? Sicher nicht nur um uns zu belehren, auch wenn der Kreuzweg die eindrücklichste Lehre ist, die uns Jesus gegeben hat. Sondern weil es im göttlichen Plan mit der Welt nicht anders sein konnte, als dass er selbst alles, was die Welt an Lieblosigkeit und Feindschaft gegen Gott erfahren kann, durchlebt und erlitten hat, um durch das Leiden zu versöhnen, zu zerstören und aufzuheben, damit er der menschlichen Freiheit ihre letzte Berechtigung gibt. Das bleibt selbst für den gläubigen Christen überaus geheimnisvoll, und dennoch lässt sich die Lösung des Rätsels, warum es in der Welt Freiheit und Übel gibt, an keiner anderen Stelle suchen. Die Liebe Gottes ist dem Wesen Gottes am angemessensten, doch wenn sie auf die Lieblosigkeit der Welt stößt, wird sie zu einem harten Gebot. Das Hohelied sagt auf seine eigene Weise: „Stark wie der Tod ist die Liebe, unüberwindlich wie das Totenreich ist die Leidenschaft“ (Hl 8,6). Ist es also verwunderlich, wenn wir, die Christus hier als seine Freunde bezeichnet, manchmals das, was wirklich reiner Gnade entspringt, als hartes Gebot empfinden? Jesus sagt: „Meine Last ist süß und mein Joch drückt nicht.“ Der Mensch befreit sich innerlich, wird zu sich selbst gebracht und findet Frieden in seiner Unruhe, wenn er sich entscheidet, selbstlos zu lieben, statt ewig um sich selbst zu kreisen: das weiß jeder anständige Psychiater. Wir finden uns selbst, nur wenn wir die Liebe finden; das Gebot der Liebe ist der kürzeste Weg zur Freiheit, ja es ist Freiheit selbst. Dennoch gibt es einen Punkt, an dem dieser Weg der Freiheit in die Dunkelheit führt und durch die härtesten Hindernisse verläuft. Nämlich dann, wenn uns der andere Mensch unsympathisch ist, widerwärtig oder noch schlimmer – wenn er sich uns gegenüber wie ein Feind verhält. Das kennen wir sehr gut: das Gebot der Liebe zu den Feinden ist der eigentliche Prüfstein für jeden Christen. Gott hat uns in Christus geliebt, als wir noch seine Feinde waren, und ist für uns gestorben. Gott betrachtet also niemanden als seinen Feind. So hat auch der Christ, was ihn selbst betrifft, keine Feinde. Der andere kann sich für meinen Feind halten und sich so verhalten, für mich aber ist er ein von Gott geliebter Bruder, und deshalb muss ich ihn auch in Christus lieben. Ich könnte Gott nicht ins Angesicht treten, wenn ich in meinem Herzen Feindschaft gegen jemanden hege. Jesus ist in diesem Punkt absolut kompromisslos, denn hier stehen wir im Zentrum der christlichen Praxis: „Wenn du dein Geschenk zum Altar bringst“ – das bedeutet: wenn du zur Kirche gehst, zur Feier der Eucharistie oder einfach zum Gebet kommst – „und dort dich erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, lass dein Geschenk vor dem Altar und geh dich zuerst mit deinem Bruder versöhnen, dann komm und opfere dein Geschenk“ (Mt 5,23).
Das ist buchstäblich zu nehmen. Vielleicht kann ich mich nicht mit einem Bruder versöhnen, der mir feindlich gesinnt ist, aber eines kann ich immer: mich in meinem Herzen mit ihm versöhnen, ihn als Bruder in Christus betrachten und auf dem Weg zur Kirche für ihn beten. Und ebenso kann ich und muss ich auch etwas anderes tun, obwohl Christen das oft leichtfertig vernachlässigen und vergessen: ich kann und muss mich entschuldigen, wenn ich jemandem mit Wort oder Tat verletzt habe. Das gehört zur normalen christlichen Anständigkeit. Doch es gibt so viele Christen, die diesen Satz „Es tut mir leid“ kaum aussprechen; und vielleicht umso seltener, je näher der verletzte Mensch ihnen steht – sei es der Partner in der Ehe oder einer der Eltern, Kinder, Freunde, Untergebenen oder Vorgesetzten. Es erfordert ein wenig Überwindung, aber wie sehr lohnt es sich! So wird Entfremdung verhindert, im Getriebe der Menschlichkeit fließt Öl statt Sand und dem anderen erleichtern wir dadurch ungemein das weitere Gebot der Liebe: das Gebot zu vergeben. Wie oft soll man vergeben? – fragt Petrus. Siebenundsiebzigmal, antwortet Jesus. Dem, der um Vergebung bittet, ist es leicht, zu vergeben. Jemandem zu vergeben, der es nicht für notwendig hält, um Vergebung zu bitten, kann sehr schwierig sein. Vielleicht würde die ganze Kirche anders aussehen, wenn wir diesen grundlegenden Befehl des Herrn so wörtlich nehmen würden, wie er gemeint ist. Aus unzähligen, kleinen Akten des täglichen gegenseitigen Vergebens von Sünden, wie es unser Vater verlangt, würde eine innerlich befreite, freudige Gemeinschaft voller Licht entstehen, die dann der Welt ein glaubhaftes Zeugnis ablegen könnte. Der Einzelne, der um Vergebung bittet, und sein Nächster, der ihm vergibt, sind in diesem Treffen wahre Freunde des Herrn, nicht nur, weil er sie liebt, sondern weil sie seine Gebote halten und in seiner Liebe bleiben. Und erst dann erfahren sie, dass in ihnen die Freude Jesu ist und dass ihre eigene Freude vollkommen geworden ist. Beide empfinden in diesem wahrhaft christlichen Treffen keine Zufriedenheit über sich selbst, keine Freude über ihre Fähigkeit zur Überwindung, sondern vielmehr – getragen von Gnade und dem Gebot Gottes – haben sie ihre eigenen menschlichen Grenzen überwunden und nehmen an einer ganz anderen Freude teil. Es ist die Freude Christi – „meine Freude in euch“ – und sie ist ein Vorgeschmack des Himmels. Aus solchen Akten und Erfahrungen wird die glaubwürdige Kirche aufgebaut.
Wir leben in der Zeit nach Pfingsten, in der der Geist Jesu Christi und der Geist Gottes des Vaters bereits in der Kirche, in uns wirkt. Wir können also nicht sagen, dass wir nicht wissen, wer dieser Geist ist und was er von uns verlangt. Es wäre deshalb notwendig, endlich ernst zu nehmen, was der Herr in der Abschiedsrede gesagt hat.
Mit großen Gefühlen wird hier im Großen und Ganzen nichts erreicht, sondern durch kleine, alltägliche Arbeiten in der nächsten Umgebung. „Millionen zu umarmen“ – ist für den Aufbau des Gottesreiches auf Erden nutzlos. Im Gegensatz dazu bringt es viel, einen einzigen ungeliebten Menschen in meiner Nähe geistlich zu umarmen, an dessen Entfremdung und Einsamkeit ich vielleicht einen Anteil habe. In so einem winzigen, kleinen Werk baut der Heilige Geist das Gottesreich auf Erden, unauffällig, bis plötzlich etwas geistlich Mächtiges sichtbar wird, das außergewöhnlich hilft, die großen irdischen Probleme der Menschheit zu überwinden. Dieses stille Bauen ist die wahre Pfingstbewegung. Bereits Paulus sagte, dass das Reden in Zungen sicherlich gut ist – falls es darauf ankommt, kann er das alles auch – aber die Kirche wird nicht dadurch aufgebaut, sondern einzig durch die Liebe, über die Paulus sagt, dass sie gütig, nachsichtig, nicht eifersüchtig, nicht egoistisch, nicht aufbrausend ist, vergisst, wenn ihr jemand Unrecht tut, sondern vielmehr alles erträgt. Mit anderen Worten: sie zählt nicht auf, was ihr jeder Einzelne angetan hat, nicht nur verzeiht sie das Unrecht, sondern vergisst es auch, hat kein übergroßes Gedächtnis, das alles speichert, was ihr jemand Unrecht getan hat, sondern lässt es in die göttliche Vergebung eintauchen, beseitigt es aus der Welt, als ob es nie geschehen wäre. Denn so liebt Gott. So werden wir einmal einander im Himmel lieben, weil alle gegenseitigen Beleidigungen für immer vergessen sein werden. Und so gibt uns der Heilige Geist die Kraft, hier auf Erden zu lieben, denn anders können wir das Gottesreich nicht aufbauen. Es wäre völlig sinnlos zu beten: „Dein Wille geschehe, dein Reich komme“, wenn wir die Worte ernst nehmen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben.“
(Predigt im Schweizer Radio, 20. Mai 1979. Verkürzt.
Übernommen aus Christliche Innerlichkeit 15/3 und 15/4, 1980.
Übersetzt von Schwester Petra vom Auferstandenen, OCD.)