Antonio Sagardoy OCD
(Christliche Innerlichheit 5/1996, Österreich)
In verschiedenen Schriften der Hl. Teresa von Jesus wird das Thema „Göttlicher Wille“ wiederholt behandelt. Kursiv sind im folgenden Artikel Zitate aus den Werken der Hl. Teresa von Jesus angeführt.
- Was ist der Göttliche Wille?
Was ist der Göttliche Wille, meine Töchter? Damit wir so vollkommen sind, dass wir eins mit dem Sohn und dem Vater werden, wie Jesus Christus es verlangt hat. Wie weit sind wir jedoch davon entfernt, dies zu erreichen! (5H 3,7).
Der höchste Grad der Vollkommenheit besteht nicht in inneren Trost und erhabenen Entrückungen, noch im Sehen und Prophezeien, sondern in der Übereinstimmung unseres Willens mit dem, was Gott will, sodass wir, wenn wir seinen Willen erkennen, innig wünschen, was er will, gleichgültig ob es bitter und schmerzhaft oder freudig und angenehm ist, weil es der Herr will (Z 5,9).
- Den Göttlichen Willen verstehen wir immer nicht
(Jesus) kennt auch unsere große Not, die oft so tut, als wüsste sie nicht, was der Göttliche Wille ist. Wenn Sie einem leichtfertigen Reichen sagen, dass es der Wille Gottes ist, dass er sich im Essen mäßigt und wenigstens Brot an den Hungernden gibt, wird er zahlreiche Einwände haben, um Ihnen nicht zu gehorchen, weil er handeln will, wie es ihm gefällt. Und erinnern Sie einen Verleumder daran, dass der Göttliche Wille uns befehlt, andere wie uns selbst zu lieben, wird er Sie nicht ertragen und Sie werden ihn mit nichts überzeugen.
Oder sagen Sie einem Ordensmann, der den Komfort und die Freiheit liebt, dass es seine Pflicht ist, ein gutes Beispiel zu geben, dass er also den Göttlichen Willen nicht nur mit Worten erfüllen soll, weil er geschworen hat und versprochen hat, ihn zu erfüllen; und dass es also der Wille Gottes ist, dass er seine Versprechen hält, und dass er gegen diese handelt, wenn er Anstoß gibt, auch wenn er sie irgendwie schwer verletzt; dass er ohne Umschweife die Armut zu halten hat, die er versprochen hat, weil der Herr das will; sagen Sie ihm einfach all dies, aber trotzdem wird er Ihnen nicht gehorchen. Nur sehr wenige würden die Worte erfüllen, mit denen er sich für uns an den Vater gewendet hat: Dein Wille geschehe (C 33,1).
- Die gesamte Vollkommenheit besteht also darin, unseren eigenen Willen mit dem Göttlichen Willen zu vereinen.
a) Suche
Gottesfürchtige Menschen erkennen leicht, dass der eigene Motor unseres Bemühens, im Glauben zu leben, nicht das ist, was uns gut erscheint, sondern der Plan Gottes mit uns. Bei der Suche nach dem Göttlichen Willen ist es nicht immer einfach, auf ihn zu schauen und nicht so sehr auf uns selbst, auf das, was es ihm bringen wird, und nicht so sehr auf das, was es uns bringt.
Da wir Menschen sind, können wir nur Schritt für Schritt wachsen:
- Teresa beschließt, nichts zu tun, was gegen den Göttlichen Willen ist;
- sie nimmt den Göttlichen Plan mit ihr an;
- sie gibt sich in Gottes Hände;
- Gott kann mit ihr umgehen, wie mit seinem Eigentum;
- Teresa sehnt sich danach, dass sich der Göttliche Wille in ihrem Leben verwirklicht.
Die Bereitschaft, den Göttlichen Willen zu tun, bewirkt, dass Teresa in ihrem Leben sehr offen ist:
- trotz der Schwierigkeiten hört sie nicht auf, das Kloster in Avila zu gründen, denn der Herr hat ihr gezeigt, dass es sein Wille ist;
- sie ist bereit, ihre Entscheidungen zu ändern, wenn sie erkennt, dass Gott von ihr etwas anderes erwartet, z. B. bei der Gründung in Palencia …
b) Vertrauen
1) Einschränkungen
Krankheit und Leiden bereiten uns tägliche Probleme: es ist schließlich nicht einfach, die Situationen, die uns unangenehm sind und uns belasten, immer im Zusammenhang mit dem Göttlichen Willen zu sehen.
Der Mensch wünscht sich vor allem, gesund zu sein. Auch Teresa befindet sich oft in dieser Verfassung. Schon als junger Mensch wird sie mit Krankheit konfrontiert. Nach einer inneren Auseinandersetzung – denn krank zu sein bringt viele Einschränkungen und Hindernisse mit sich – gelangt sie zu einem „Ja“. Dieses „Ja“ bedeutet, sich mit dem Göttlichen Willen zu identifizieren.
... ich blieb ganz starr, auch wenn es sich im Laufe von etwa drei Jahren allmählich besserte. Als ich anfing, auf allen Vieren zu krabbeln, dankte ich dem Herrn. Ich hielt es mit großer Geduld aus. Ich war sehr in den Göttlichen Willen hingegeben (Ž 11,2).
Dass wir einen anderen Wert finden und ihm zustimmen, ist eine Voraussetzung, um solche Schritte und Situationen zu akzeptieren, die uns negativ erscheinen. Alles relativiert sich. Wichtig ist nur, dass ich ihn nicht beleidige. Ich bin bereit, alles zu akzeptieren, weil es aus seiner Hand kommt:
Tu, Herr, was du willst! Nur wenn ich dich nicht beleidige oder die Tugend verliere, wenn du mir in deiner souveränen Güte irgendetwas gegeben hast. Ich will leiden, Herr, weil auch du gelitten hast. Möge sich stets dein heiliger Wille an mir erfüllen! (Ž 11,12).
Wer mit ganzem Herzen annehmen kann, dass Gott es gut mit ihm meint, ist in der Lage, sich unbeirrt Gott anzuvertrauen. Er weiß, dass er in guten Händen ist und hat keine Angst:
Und hier scheint es mir angebracht, was ich bereits gesagt habe: Sich völlig in Gottes Arme zu geben. Möchte er die Seele in den Himmel bringen? Nichts besseres. In die Hölle? Lass dich davon nicht bedrücken, denn sie würde dorthin mit ihrem Guten gehen. Möchte er sie von der Welt wegnehmen? Schließlich sehnt er sich genau danach. Möchte er, dass sie tausend Jahre lebt? So sei es. Sie gehört nicht mehr sich selbst, sondern nur Gott. Möge er mit ihr verfahren, wie mit seinem Eigentum und um den Rest brauche er sich nicht zu kümmern (Ž 17,2).
2) Sehnsucht
Einige Jahre später durchlebt Teresa eine weitere Entwicklungsphase.
Nachdem sie sich mit konkreten Situationen auseinandergesetzt hat, kommt eines Tages der Moment, an dem sie sich danach sehnt, den Göttlichen Willen zu tun.
Die progressive Beziehung zu Gott führt sie zur Disponibilität. ‚Dein Wunsch ist mein Befehl‘, wie wir oft sagen!
Von oben sieht man viele Dinge klar; (die Seele) erkennt die Nichtigkeit irdischer Güter und wie wenig sie verdient, dass man sie schätzt. Sie will nicht mehr ihren eigenen Willen haben, bittet den Herrn, ihr das freie Ermessen zu nehmen, und gibt ihm die Schlüssel (ihres eigenen Willens). Sie will nichts anderes tun als den Göttlichen Willen (Ž 20,22).
Diese Haltung verrät die Reife in der Entwicklung der gegenseitigen Beziehung: den Wunsch zu haben, dass das, was der andere will, verwirklicht wird; im Freude des anderen die eigene Freude zu finden. Bei einem solchen Menschen dreht sich schon alles um das ‚Du‘ und nicht um das eigene ‚Ich‘.
Ich bemerkte, wie ich mich verändert hatte. Ich konnte nichts anderes tun, als mich in Gottes Hände zu geben, damit er seinen Willen in mir erfüllt, denn er weiß besser, was mir nützt (Ž 27,1).
Wer am eigenen Leib die wohltuende Wirkung des göttlichen Wirkens erlebt, wünscht sich nichts anderes, als dass Gott mit seiner Arbeit fortfährt. Ein solcher Mensch vertraut Gott mit absolutem Vertrauen an.
c) Erfüllung des Göttlichen Willens
Im Buch „Die Burg im Inneren“ finden wir als rotes Faden das Empfehlung, sich mit dem Göttlichen Willen zu identifizieren:
Wer sich dem Gebet widmen will, muss das eine anstreben – nie vergessen, denn es ist von höchster Wichtigkeit – alles tun, um sich zu ändern und viel mehr bereit zu sein, seinen Willen mit dem Göttlichen zu vergleichen. In diesem, wie ich bald ausführen werde, liegt die größte Vollkommenheit, nach der der Mensch sich sehnen kann. Je perfekter sich der Mensch vereint, desto größere Gnade erhält er von Gott, und desto größer wird auch sein Fortschritt auf dem Weg (2H 1,8).
Im Kontext des Gebets weist sie auf die große Bedeutung des Göttlichen Willens hin: im menschlichen Streben nach einem Gebetsleben steht nicht die geringere oder größere Frömmigkeit im Vordergrund; auch nicht der diskursive Orden einer Methode der Betrachtung; entscheidend sind nicht wohlgelungene und gut formulierte Gebete, sondern vor allem die Haltung des Herzens: waches Zuhören auf das Wort Gottes und den Ruf, die Fähigkeit zur Resonanz (Echokammer).
Glauben Sie mir, dass es nicht wichtig ist, ob man eine Ordenskleidung trägt oder nicht, sondern sich in der Tugend zu üben, sich in allem dem Göttlichen Willen zu unterwerfen, damit unser Leben in Übereinstimmung mit seinen Entscheidungen verläuft, und nicht das zu wollen, was unser Wille ist, sondern das, was sein Wille ist (3H 2,6).
Teresa legt genau darauf Wert, zwischen innerem und äußerem, nebensächlich und wesentlich, wichtig und notwendig, gut und zielführend zu unterscheiden ... Wie klar betont Teresa das, worauf es ankommt!
Die Seele soll sich in Gottes Hände geben, damit er mit ihr macht, was er will; sie soll alle eigenen Interessen vergessen und alles tun, was nur möglich ist, um sich seinem göttlichen Willen zu unterwerfen (4H 3,6).
Sich in Gottes Hände zu geben, setzt einen ordentlichen Teil Vertrauen voraus: er ist der Töpfer, wir der Ton; er kann mit uns arbeiten und uns umgestalten; er gibt uns die Form, die unserem Auftrag entspricht.
d) Wie im Himmel, so auch auf Erden
Im Buch „Weg zur Vollkommenheit“ behandelt Teresa das Vaterunser und beschreibt es als Schule des Gebets. Wenn sie über das Anliegen „Dein Wille geschehe“ nachdenkt, stellt sie einige Punkte auf, die uns zum Nachdenken anregen können:
- Es ist nicht so selbstverständlich, dass wir diesen Satz aussprechen. Warum tun wir das? Nur weil es andere auch tun? Teresa weiß, dass viele Menschen Angst haben, diesen Satz auszusprechen, weil sie denken, dass Gott ihr Anliegen sofort erfüllen wird. Sie haben Angst vor Gott.
- Viele Menschen haben Schwierigkeiten, den Göttlichen Willen zu akzeptieren. Teresa argumentiert sehr menschlich. Wenn wir es schon nicht aus Liebe zu Jesus tun, dann tun wir es zumindest aus der Not zur Tugend:
Ich möchte Sie auf eine andere Weise überzeugen: Denken Sie daran, meine Töchter, dass, egal ob wir wollen oder nicht, der Göttliche Wille immer erfüllt wird: sowohl auf Erden als auch im Himmel. Und deshalb machen wir aus der Not eine Tugend. Ach, mein Herr, wie wunderbar hast du mich beschenkt, dass du nicht so verdorbener Willen wie meinen überlässt, das Erfüllung deines Willens! (C 32,4).
- Es geht nicht nur darum, den Satz auszusprechen, sondern auch darum, bereit zu sein, ihn in die Tat umzusetzen. Die Anforderung an die Leserinnen des Buches ist eindeutig: Schwestern, bei euch muss in der Einheit Wort und Tat, das, was ihr sagt, und alles, was ihr tut, sein.
- Es reicht nicht, wenn wir dem Herrn alles nur einmal versprechen. Es kommt nicht selten vor, dass wir in einem Moment der Begeisterung viel versprechen, aber kurz darauf Schritt für Schritt das, was wir versprochen haben, zurücknehmen.
- Teresa hat ganz klar vor Augen, was Gott will:
Ich möchte Ihnen jetzt mitteilen, oder besser gesagt, Sie daran erinnern, was der Göttliche Wille ist. Denken Sie nicht, dass es darin besteht, uns Reichtum, Vergnügen, Ehren und andere irdische Güter zu geben. Er liebt uns zu sehr, als dass er uns solche Dinge geben könnte! Wie handelt Gott also mit uns? Teresa ist der Ansicht, dass er umso mehr auf diejenigen, die Gott mehr lieben, mehr Gewicht legt; dabei berücksichtigt er den Mut, den er bei uns sieht, und unsere Liebe zu ihm.
e) Teresas Haltung
Teresas große Sehnsucht war es, alles zur Ehre Gottes und nach seinem Willen zu tun. Blindheit und Kurzsichtigkeit führen uns zu Irrtümern, selbst wenn wir es gut meinen. Teresa ist sich der menschlichen Unzulänglichkeit bewusst, deshalb schreibt sie: Der Herr weiß besser als wir, was wir brauchen.
Es geht einfach darum zu akzeptieren, dass alle Schritte unseres Lebens den Charakter einer Vorbereitung haben: Schritte auf den Berg Tabor und Schritte auf Golgatha sind immer Schritte der Vorbereitung zur Auferstehung.
Abkürzungen: H – Die Burg im Inneren, Z – Buch über die Gründung, C – Weg zur Vollkommenheit, Ž – Leben
(Aus dem Deutschen übersetzt von Schwester M. Zdislava vom Herzen Jesu OCD,
Karmel St. Josef in Prag.)