Die Gegenwart Gottes wird für uns völlig natürlich werden.

Auf Ihr Drängen hin stimme ich nur sehr widerwillig zu und nur unter der Bedingung, dass Sie meinen Brief niemandem zeigen...Laurentius von der Auferstehung (1614–1691)

Da Sie so sehr wünschen, dass ich Ihnen die Methode mitteile, die ich verwende, um ein Leben in Gottes Gegenwart zu erreichen, möchte ich nicht verschweigen...

Meine ehrwürdige Mutter! (1)

Da Sie so sehr wünschen, dass ich Ihnen die Methode mitteile, die ich verwende, um ein Leben in Gottes Gegenwart zu erreichen, in das es unser Herr in seiner Barmherzigkeit gefallen hat, mich einzuführen, möchte ich nicht verschweigen, dass ich auf Ihr Drängen hin nur sehr widerwillig zustimme und auch nur unter der Bedingung, dass Sie meinen Brief niemandem zeigen. Wenn ich wüsste, dass Sie ihn dennoch jemandem zeigen, würde mich auch das große Verlangen, das ich in meinem Herzen nach Ihrer Vervollkommnung trage, nicht dazu bewegen (2).

Ich kann Ihnen Folgendes dazu sagen: Nachdem ich in vielen Büchern verschiedene Methoden und Wege gefunden habe, wie man sich im spirituellen Leben üben kann, um zu Gott zu gelangen, schien es mir, dass diese meinem Geist eher im Weg stehen als helfen, das zu erreichen, was ich anstrebe und wonach ich suche, nämlich nichts anderes als ein Mittel, mit dessen Hilfe ich ganz Gott gehören könnte. Das bewegte mich dazu, alles auf eine Karte zu setzen. Und zwar – nachdem ich mich ganz Gott als Genugtuung für meine Sünden geschenkt hatte – habe ich aus Liebe zu Ihm auf alles verzichtet, was nicht Er ist, und begann so zu leben, als ob es auf der Welt nichts anderes gäbe als Ihn und mich. Manchmal fühlte ich mich vor Ihm wie ein elender Verbrecher zu Füßen seines Richters, manchmal betrachtete ich Ihn in meinem Herzen als meinen Vater, meinen Gott. Hier warf ich mich Ihm nieder, so oft ich nur konnte, bewahrte meinen Geist in Seiner heiligen Gegenwart und wann immer ich meine Zerstreuung bemerkte, besann ich mich sofort wieder. Diese Übung kostete mich viel Mühe, aber ich gab sie trotz aller Schwierigkeiten, auf die ich dabei stieß, nicht auf und ließ mich nicht entmutigen oder beunruhigen, wenn ich unbeabsichtigt zerstreut war. Und dies tat ich während des Tages nicht weniger oft als während der Zeiten, die dem Gebet gewidmet waren. Denn immer, zu jeder Stunde, in jedem Moment, auch in der Zeit der Arbeit versuchte ich, meinen Geist von allem fernzuhalten, das mich daran hindern könnte, an Gott zu denken.

Meine ehrwürdige Mutter, seit ich Mönch geworden bin, ist dies mein tägliches Übungsfeld. Auch wenn ich es nur sehr nachlässig und unvollkommen praktizierte, so habe ich dennoch großen Nutzen daraus gezogen. Ich weiß gut, dass ich diesen Nutzen der Barmherzigkeit und Güte des Herrn zuschreiben muss, denn ohne Ihn können wir nichts – und ich noch weniger als alle anderen. Aber wenn wir uns treu in Seiner Gegenwart aufhalten, haben wir Ihn immer vor Augen, er schenkt uns diese Art des Schauens heilige Freiheit, mit der wir Ihn dann um alle notwendigen Gnaden bitten; ganz zu schweigen davon, dass es uns daran hindert, Ihn zu beleidigen und etwas zu tun, das Ihm missfallen würde, zumindest freiwillig. Und schließlich werden uns diese Handlungen, wenn wir sie (oft) wiederholen, zur Selbstverständlichkeit, und Gottes Gegenwart wird uns ganz natürlich werden. Bitte danken Sie Ihm mit mir für Seine große Güte, die Er mir gezeigt hat, und über die ich – für viele Gnaden, die Er einem so elenden Sünder geschenkt hat – nicht genug staunen kann. Möge Er für alles gepriesen sein. Amen.

In unserem Herrn

Ihr...

(1) Der Freund und Biograf von Laurentius, Joseph de Beaufort, veröffentlichte Laurentius' Briefe bereits ein Jahr nach seinem Tod. Aus Gründen der Diskretion ersetzte er alle Namen durch den Buchstaben N. Die Namen der Adressaten sind somit unbekannt. Dieses Schreiben verfasste Laurentius an eine gewisse Nonne, das Datum fehlt in diesem Fall ebenfalls.
(2) Im Sinne von: in Bezug auf Ihr geistliches Wachstum.

Übernommen aus dem Buch: Bruder Lorenz von der Auferstehung, Gesammelte Werke
Herausgegeben von: Sr. Ancilla Karl OCD und P. Antonio Sagardoy OCD
Im Verlag: CERF Paris, 1991
Übersetzt von: Norbert Žuška, OCarm.