Die Beziehung von Sr. Thérèse von Lisieux zur Heiligen Schrift

P. Gorazd Cetkovský O.Carm.

Das Leben der Kirche in der Gegenwart ist geprägt von einer Vielzahl von Initiativen, die sich oft überschneiden. Ich möchte nun auf drei eingehen, die für uns von großer Bedeutung sind: Das neunte Jahr des Jahrzehnts der moralischen und spirituellen Erneuerung unseres Volkes neigt sich dem Ende zu, der Heilige Vater rief in seinem Schreiben Tertio millenio adveniente zur intensiven Vorbereitung und Feier des Jubiläums der Menschwerdung (im Jahr 2000) auf, und seit dem 1. Oktober bereitet sich die gesamte karmelitanische Familie auf den hundertsten Todestag von hl. Therese vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz (30. September 1897) vor. Wir sind uns jedoch sicher, dass die spirituelle Reichweite und die Früchte des Jubeljahres dieser Heiligen weit über die Mauern unserer Klöster hinausreichen werden.

Die „Überlappung“ dieser drei Initiativen sollte uns nicht zu Enttäuschung führen (vielleicht widmen wir uns den Dingen lieber nacheinander als gleichzeitig), sondern wir können versuchen, das zu sehen, was sie gemeinsam haben, was – trotz ihrer Unterschiede – einen gemeinsamen Akzent setzt. Ein solches gemeinsames Element finde ich im Wiederannahme des Geschenks der Schrift – im Leben der Kirche als Gemeinschaft und im spirituellen Leben der einzelnen Christen.

Es wäre schwer, unter unseren nationalen Patrons andere Heilige zu finden, für die eine enge Beziehung zur Schrift so charakteristisch wäre wie für hl. Kyrill und Method. Erinnern wir uns an die Worte des heiligen Konstantin im Proglas:

„…Hört alle slawischen Menschen,
hört das Wort, das von Gott kommt, das Wort, das die menschlichen Seelen nährt,
das Wort, das das Herz und den Verstand stärkt, das Wort, das zur Erkenntnis Gottes führt.“

Es ist kaum vorstellbar, wie viel Mühe es sie gekostet hat, ein Werk zu vollbringen, das wir heute bereits als oberflächlich selbstverständlich erachten: die Übersetzung der Heiligen Schrift ins Alt-Slawische, die Öffnung des Schatzes der Schrift für die slawischen Christen.

Johannes Paul II. sagt in dem erwähnten Schreiben (in Nr. 36), dass Teil der Vorbereitung auf das Jubiläum der Menschwerdung ein „ernsthaftes Gewissenserforschung“ sein muss, und zwar „insbesondere im Hinblick auf die Kirche unserer Zeit“. Es geht um unsere Mitverantwortung, wenn auch indirekt, für das Böse (und das Fehlen des Guten) in der heutigen Welt. Der Heilige Vater fragt, wie wir das Zweite Vatikanische Konzil angenommen haben – „das große Geschenk des Heiligen Geistes an die Kirche am Ende des zweiten Jahrtausends… In welchem Maße ist das Wort Gottes vollständiger geworden … Inspirationsquelle für das gesamte christliche Dasein, wie es die dogmatische Konstitution Dei Verbum verlangte?“ Und als der Heilige Vater nach Rücksprache mit den Kardinälen entschied, dass sich die Kirche auf das Jubiläum im Jahr 2000 durch drei Jahre Vorbereitung vorbereiten sollte, deren erstes Jahr der Betrachtung über Jesus Christus gewidmet sein wird (und dieses Jahr 1997 mit dem Jubiläumsjahr hl. Therese fallen wird), schreibt er in dem erwähnten Schreiben:

„Es ist nötig, dass die Christen, wenn sie das wahre Wissen um Christus gewinnen wollen,“ besonders im Verlauf dieses Jahres mit neuem Interesse zur Bibel zurückkehren, „sowohl durch die heilige Liturgie, die mit göttlichen Worten sprudelt, als auch durch frommes Lesen oder geeignete Bildungsangebote oder andere Mittel.“ Im enthüllten Text steht vor uns in der Liebe der himmlische Vater, der mit uns spricht, uns die Natur des eingeborenen Sohnes zeigt und das Geheimnis der menschlichen Erlösung.“ (Nr. 40).

Und wenn wir uns in der Familie des Karmel in diesem Jahr mit besonderer Ernsthaftigkeit das Zeugnis der hl. Therese von Lisieux vor Augen führen, möchte ich nicht versäumen, noch einmal einen weiteren päpstlichen Hinweis für das kommende Jahr zu zitieren: „Alles muss auf das vorrangige Ziel des Jubiläums ausgerichtet sein, nämlich die Festigung des Glaubens und das Zeugnis der Christen. Es ist also notwendig, dass in jedem Gläubigen ein starkes Verlangen nach Heiligkeit geweckt wird, ein inniges Verlangen, sich zu bekehren und im Inneren erneuert zu werden, und dabei die Notwendigkeit einer wahrhaftigeren Gebetserfahrung und des Verständnisses für den Nächsten, insbesondere den Bedürftigsten, vertieft wird“ (Nr. 42).

Hier können wir an eine Situation aus der Kindheit denken: Vielleicht hat jeder von uns irgendwann in der Schule oder anderswo eine Aufgabe erhalten, die über unsere Kräfte ging. Aber zu Hause, mit der Hilfe der anderen in der Familie, stellte sich schließlich heraus, dass sie doch machbar war. Und wir können der göttlichen Vorsehung danken, dass wir in den Anforderungen, die uns unsere Bischöfe stellen (vor neun Jahren war es noch Kard. Tomášek) und der Heilige Vater, „uns an der Hand halten“ können mit unserer Schwester – der „kleinen“ Therese.

Mit diesen Überlegungen wage ich es nicht, die gesamte Tiefe der Beziehung von hl. Therese zur Heiligen Schrift zu umfassen. Ich möchte einige Gedanken über die Annahme des Wortes Gottes in unserem spirituellen Leben vorlegen, dabei stets auf hl. Therese blicken und von ihrer persönlichen Erfahrung lernen.

Das Dokument des letzten Konzils, das der Heilige Vater zitiert (Dei verbum) ermutigt im letzten Kapitel, das „Die Heilige Schrift im Leben der Kirche“ heißt: „Es muss sichergestellt werden, dass die gesamte Predigt der Kirche und die christliche Frömmigkeit sich von der Heiligen Schrift nähren und leiten lassen.“ Es geht nicht um irgendeine kirchliche Richtlinie, Vorschrift, sondern um eine einfache Folge des Glaubens, dass die Schrift „wirklich das Wort Gottes“ ist (DV 24). Und wenn das Konzil „dringend und eindringlich alle Gläubigen, insbesondere die Ordensleute, ermutigt, durch häufiges Lesen der Heiligen Schrift „unermesslich wertvolles Wissen über Jesus Christus“ zu gewinnen (Phil 3,8), und das Wort des hl. Hieronymus zitiert: „Die Schrift nicht zu kennen bedeutet, Christus nicht zu kennen“, folgt der heilige Konzil dem einfachen Ordensfrau von Lisieux, die diesen Weg siebzig Jahre zuvor beschritt, und damals war dieser Weg sehr überwuchert und nur wenig beschritten.

Es überrascht uns, dass Therese – auch als Ordensfrau – die Bibel nicht einfach in Griffweite hatte. Gottes Wort sprach vor allem während der Liturgie zu ihr, und sie nahm es in Verbindung mit dem, was sie gerade erlebte, wahr. Der Auswahl der Lesungen war damals bei den Gottesdiensten viel enger als heute. Für den persönlichen Bedarf gestatteten die klösterlichen Regeln den Novizinnen nicht, das gesamte Gottes Wort zur Verfügung zu haben. Als Thereses Beziehung zur Heiligen Schrift sich vertiefte, bat sie ihre Schwester Celina, die damals noch mit ihrem Vater in der Welt lebte, ihr die Evangelien und Briefe des hl. Paulus in einem Band binden zu lassen, und Therese trug diese Büchlein (nach dem Vorbild der hl. Cecilia) dann auf ihrem Herzen. „Einige Schwestern waren erstaunt, andere begannen, sie nachzuahmen“ (G. Gaucher). Und als zwei Jahre später auch Celina in das Kloster eintrat und ihre Notizhefte mit Bibelstellen mitbrachte, die ihre Verwandten, die Guérins, hatten, lieh sich Therese, die das Alte Testament nicht zur Verfügung hatte, sie sofort mit „Begeisterung“ aus, las sie gründlich durch und fand darin alttestamentliche Zitate, mit deren Hilfe sie ihre Gedanken über die „Aufhebung“ erklärte.

Thereses Interesse an der Schrift hat jedoch nichts mit der Suche nach Originalität oder Kuriosität gegenüber dem restlichen Kloster zu tun, sondern hat den tiefen Sinn, von dem das Konzil spricht (dessen Aussage auch der neue Katechismus übernimmt): Das Ziel ist es, Jesus Christus zu erkennen. Die Schrift, insbesondere die Evangelien, sind die Quelle des Wissens über die Person Jesu in ihrem historischen und spirituellen Maßstab. Wenn Therese in einem ihrer Gedichte das Leben der Jungfrau Maria beschreibt oder wenn sie erwähnt, dass sie – wenn sie Priester wäre – mit Liebe über die Jungfrau Maria predigen würde, betont sie, das „wirkliche, nicht angebliche“ Leben der Mutter Jesu so darzustellen, wie wir es durch die Evangelien kennen. In einer Zeit, in der die Sorge vorherrscht, auch Ordensleuten den Text der Schrift direkt in die Hände zu geben und die unterschiedlichsten nacherzählten „Leben“ des Herrn Jesus und der Jungfrau Maria herausgegeben werden, schreibt Therese: „…später ließen mich alle Bücher trocken zurück… In dieser Hilflosigkeit kommen mir die Heilige Schrift und das „Nachfolge“-Buch zur Hilfe. In ihnen finde ich eine solide und völlig reine Nahrung. Aber über all dem hält mich in Zeiten des inneren Gebets das Evangelium aufrecht. In ihm finde ich alles, was meine elende Seele benötigt. Ich entdecke darin immer neue Lichter, einen verborgenen und geheimnisvollen Sinn…“ (AS 170). Durch die völlig reine Nahrung des Evangeliums findet Therese Jesus in seiner Menschlichkeit und Gottseligkeit. Sie schreibt einfach: „Es genügt, wenn ich ins Evangelium schaue, und sofort atme ich den Duft von Jesu Leben ein…“ (AS 249) Oder: „Es scheint mir, dass das Wort Jesu, das ist er selbst… Er, das Wort Gottes…“ Und sie bekennt Gott: „Dein Wort ist eine Lampe, die meinen Schritten leuchtet…“

Als Einleitung zu weiteren Gedanken möchte ich die Worte des Hebräerbriefs entlehnen: „Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig, schärfer als jedes zweischneidige Schwert…“ (4,12). Diese Zweischneidigkeit des Wortes Gottes möchte ich uns in Erinnerung rufen: Wenn wir die Schrift das Wort Gottes nennen, haben wir damit am häufigsten im Sinn, dass es sich um das Wort handelt, das Gott Richtung zu uns sagt. Wie bereits erwähnt, verstand Therese die liturgischen Lesungen, beispielsweise das Evangelium an dem Tag, als sie Papst um ihre Aufnahme in den Karmel bat: „Mein Herz schlug sehr stark und ich betete sehr innig… Aber ich war voller Vertrauen. Das Evangelium dieses Tages enthielt wunderbare Worte: ‚Fürchte dich nicht, kleine Herde, der Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben‘“ (AS 130). Ich möchte an dieser Stelle erneut betonen, wie adresatannahmlich die hl. Therese das Wort Gottes während der Liturgie empfing: als für sie bestimmt, für ihr Herz. Ein anderen und vielleicht bekanntesten Beispiel, wie Therese durch die Schrift das Wort Gottes, Rat und Antwort findet, ist der Vorfall, dessen Jahrhundert gerade vor wenigen Wochen verstrichen ist: Thereses Entdeckung ihres Berufes: in der Kirche die Liebe zu sein. Sie schreibt: „Als ich während des Gebets wirklich von meinen Wünschen gequält wurde, öffnete ich die Briefe des hl. Paulus, um eine Antwort zu finden...“ Und sie spricht weiter über das gelesene Stück und fügt hinzu: „Die Antwort war klar…“ und etwas weiter: „…Endlich fand ich den Frieden“ (AS 187n).

Jetzt aber zu dem „zweiten Schwert“ des zweischneidigen Schwertes, das wir vielleicht mehr übersehen: Das Wort Gottes kann auch das Wort sein, das ich Richtung zu Gott sage. Es ist eine Art Hilfestellung oder eher Anleitung, die mir im Wort und in der Haltung Jesu, oder auch einer anderen Figur in der Schrift angeboten wird. In einem solchen Zugang zur Schrift können wir viel spirituelle Freude erleben und auf eine andere Weise die Reichtümer und die Schönheit der Heiligen Schrift entdecken. Lassen Sie mich das mit einer sehr einfachen Metapher ausdrücken. Wenn ich eine Aussage, einen Ausschnitt der Schrift als Wort vom Herrn an mich annehme, ist es, als würden Eltern einem Kind etwas aus dem Schrank geben, und sagen: „Zieh das an.“ Und ich versuche, „wie man hineinkommt“, schaue, wie es mir passt und denke darüber nach, was von mir erwartet wird: Darf ich spielen, oder steht festliche Besuch bevor? Wenn ich in der persönlichen Gebetszeit in der Schrift nach einem Wort suche, das ich zu Gott sagen kann, gehe ich selbst zu dem Schrank, nehme eins nach dem anderen in die Hand und suche: Was passt für diesen Moment am besten? Was soll mir „passen“ oder worin würde er mich am liebsten sehen, in was könnte ich jetzt am meisten für ihn sein? Hl. Therese gibt uns auch in dieser Hinsicht ein Beispiel. Sie schreibt: „Anstatt mich mit dem Pharisäer nach vorn zu drängen, wiederhole ich vertrauensvoll das demütige Gebet des Zöllners. Aber vor allem ahme ich das Verhalten von Magdalena nach, ihren bewunderten oder besser gesagt verliebten Mut…“ (AS 249). Am eindrücklichsten dann, wenn sie das so genannte hohepriesterliche Gebet des Herrn Jesus aufgreift, frei wiederholt und erklärt: „Ja, Herr, das möchte ich von dir wiederholen... Ist es vielleicht Dreistigkeit? Aber nein, seit jeher hast du mir erlaubt, mutig dir gegenüber zu sein. Wie der Vater des verlorenen Sohnes zu seinem älteren Sohn sprach, hast du auch zu mir gesagt: ‚Alles, was mein ist, ist auch dein.‘ Deine Worte, Jesus, sind also meine, und ich kann sie verwenden…“ (AS 246). In ähnlicher Weise – als Teil des Gebets Christi – betet die Kirche seit Jahrhunderten die Psalmen, die Liturgie der Stunden. Und wenn dieses Gebet heute nicht mehr ein Privileg für Priester und Ordensleute bleibt, sondern immer mehr auch unter den Laien verbreitet wird, können wir daran erinnern, dass die Psalmen neben den Evangelien das Buch der Heiligen Schrift waren, mit dem sich hl. Therese am häufigsten beschäftigte, und einmal erwähnte sie über die Liturgie der Stunden: „Ich bin nicht im entferntesten würdig, sie zu rezitieren“ (AS 233).

Ich wäre sehr unglücklich, wenn wir bei unseren Überlegungen die Einfachheit hl. Thereses vergessen würden. Wenn wir erkennen, wie tief ihre Beziehung zur Schrift und ihre Sensibilität gegenüber dem Wort Gottes war, sollten wir stets im Hinterkopf behalten, dass es nicht das Ergebnis einer biblischen Ausbildung, des Studiums ist, sondern ganz das Frucht ihrer Liebe zu Christus, der Suche nach Jesus. Die äußeren Bedingungen für das Studium der Schrift waren für Therese wirklich armselig. Wir haben bereits erwähnt, wie schwierig es ihr war, überhaupt an den Text der Schrift, insbesondere des Alten Testaments, zu gelangen. Ihr berühmtes Zitat über den Wunsch, wenn sie Priester wäre, Griechisch und Hebräisch zu studieren, um „die göttlichen Gedanken, so, wie Gott sie durch unsere menschliche Sprache auszudrücken gefallen wollte, zu begreifen…“ machte sie sich Sorgen darüber, dass die Übersetzungen von einzelnen schwierigen Stellen der Schrift sich unterscheiden. Sie konnte den genauen Sinn des gegebenen Abschnitts nicht durch eine wissenschaftliche Analyse finden, sondern fand den Weg zu seinem Sinn, zu dem wir alle eingeladen sind: das Wort als Ganzes zu empfangen. Und die Aussage eines Ortes mit anderen Stellen der Bibel zu ergänzen. Der neulich veröffentlichte Katechismus der katholischen Kirche spricht darüber in Nr. 112: aufmerksam auf den Inhalt und die Einheit der gesamten Schrift zu achten. Hl. Therese stützte sich nicht auf einige herausgerissene Aussagen, sondern kannte viele Zitate auswendig, viele schrieb sie sich auf: „Ich spare mit Zitaten“ (AS 222), und so erklärt sie in dem Manuskript „C“, das sie für Mutter Maria Gonzaga schrieb, das erleuchtete Licht der Liebe und führt eine gesamte Reihe von Bibelzitaten zu diesem Thema an. Genauso schreibt sie ganz am Anfang dieses Manuskripts: „Damals suchte ich in den heiligen Büchern nach einem Hinweis auf die Erhebung, nach der ich sehnte, und las diese Worte: …“ (AS 201n.). Darauf folgen in wechselseitiger Verbindung drei Stellen des Alten Testaments. Es wäre ein längerer Abschnitt, daher empfehle ich ihn Ihrer Aufmerksamkeit, er ist ein schöner Beweis für Thereses tiefen Bezug zur Schrift, den wir zu erkennen suchen.

Im Bezug auf hl. Thereses Verhältnis zum Alten Testament wäre es lohnenswert, detaillierter innezuhalten. In der nachtridentinischen Liturgie (aber aus der perspectiva der Geschichte der Liturgie handelt es sich um ein viel älteres Anliegen) hatten die alttestamentlichen Lesungen wenig Raum. Es ist kein Wunder, dass sich dann leicht die Versuchung zu einem „schwarz-weißen“ Schema ergab: Der Herr ist ein schrecklicher Gott, während der von Jesus verkündete Gott der Vater voller Barmherzigkeit ist. Therese fiel nicht in diese Vereinfachung, sondern stützt ihre Gedanken zur göttlichen Barmherzigkeit gerade durch Passagen aus dem Alten Testament. Die gesamte Schrift ist das Wort des einen und einzigen Gottes. Und wie viele andere Heilige – Mystiker zog sie sich von der Begeisterung für das Lied der Lieder mitreißen: „Hätte ich Zeit, würde ich sehr gerne das Lied der Lieder kommentieren. In diesem Buch habe ich so tiefgründige Dinge über die Vereinigung der Seele mit ihrem Geliebten entdeckt!“ G. Gaucher gibt an, dass sie die Verse dieses schmalen Buches der Schrift in insgesamt 35 Briefen und 12 Gedichten und mehreren anderen Werken zitiert und erklärt hat.

Bevor wir unsere Überlegungen schließen, möchte ich noch auf eine weitere Tatsache hinweisen. Wir könnten den Eindruck gewinnen, dass die Heilige Schrift in unserem spirituellen Leben eine Art absoluten Wert hat, ein monopolistisches Bindeglied zwischen Gott und uns ist. Aber achten wir genau darauf: Therese, die die Schrift so sehr liebte und so viel mit ihr sprach, ist in dieser Hinsicht bemerkenswert frei. Erlauben Sie mir einen längeren Zitat: „Aber über all dem hält mich in Zeiten des inneren Gebets das Evangelium. In ihm finde ich alles, was meine elende Seele braucht. Ich entdecke darin immer neue Lichter, verborgenes und geheimnisvolles Sinn… Ich verstehe und weiß aus Erfahrung, dass ‚das Gottesreich in uns‘ ist. Jesus braucht überhaupt keine Bücher, noch Lehrer, um die Seelen zu lehren. Er, der Lehrer der Völker, lehrt ohne Lärm der Worte… Ich habe ihn nie sprechen hören, aber ich fühle, dass er in mir ist, in jedem Moment. Er führt mich und gibt mir ein, was ich sagen oder tun soll. Ich entdecke gerade in dem Moment, in dem ich es brauche, Lichter, die ich bisher nicht gesehen habe. Die reichhaltigsten Erleuchtungen erhalte ich nicht während der inneren Gebete, sondern mitten im täglichen Leben“ (AS 170).

Der deutsche Karmeliten Suitbert Seidl OCD weist in einem Artikel darauf hin: Lassen Sie uns nicht naiv annehmen, dass Therese nur Momente der Freude und Erleuchtung über die Schrift erlebte. Wir haben bereits die Schmerzen erwähnt, die ihr die Unterschiedlichkeit der Übersetzungen (und Auslegungen) bereitete. Manchmal drückte Therese in einem Brief an Celina aus, dass sie eine Taubheit gegenüber dem Wort Gottes, eine Wüste erlebte. Auch sie – um einen biblischen Vergleich zu verwenden – säte manchmal mit Anstrengung, das Wachstum war unbemerkt, aber die Ernte gab der Herr zur rechten Zeit.

So unvollständig oder ungenau unser Nachdenken auch bleibt, es hilft uns zu verstehen, warum der gemeinsame Brief der Väter der Generalkapitels beider karmelitianischen Männerordnungen, herausgegeben anlässlich des bevorstehenden Jubiläums von Therese, den Titel erhielt: ZURÜCK ZUM EVANGELIUM. Das Anliegen der hl. Therese wird darin wie folgt zum Ausdruck gebracht: „Uns die Essenz der christlichen Botschaft ins Gedächtnis zu rufen.“ Und als Merkmale ihrer Spiritualität, in denen sie zur Vorläuferin (Pionierin) des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde, sind hier aufgeführt:

  • Rückkehr zum Evangelium,
  • Rückkehr zum Wort Gottes,
  • zum historischen Jesus und seinem österlichen Geheimnis von Tod und Auferstehung.

Das ist einer der Wege zur Essenz des christlichen Glaubens. Auf diesen Weg lädt uns Therese mit ihrem Zeugnis ein und bietet uns ihre Hilfe an.

Verwendete Literatur:

Tertio millenio adveniente, apostolischer Brief Johannes Pauls II. zur Vorbereitung auf das Jubiläumsjahr 2000, Zvon, Prag 1995.
Hl. Therese von Lisieux: Autobiografische Schriften (Geschichte der Seele), 1. Aufl. Vimperk 1991.
Suitbert H. Seidl OCD: Therese und die Heilige Schrift, Christliche Innerlichkeit, Jg. 8, Nr. 2-3, S. 59-64.
Chalmers Joseph O.Carm., Maccise Camilo OCD: Zurück zum Evangelium (Die Botschaft der Therese von Lisieux), Rom 1996.
Unbenannte Zitate von hl. Therese und Bischof Guy Gaucher stammen aus seinem Buch Die Geschichte eines Lebens, dessen tschechische Übersetzung zur Veröffentlichung im Karmeliterverlag vorbereitet wird.