Trotz der Zuneigung, die mir alle entgegenbringen, trotz der Ruhe und Freiheit, an denen ich mehr als je zuvor Freude habe, gefällt mir meine neue Situation nicht. Sie stützt mich nicht, sie stärkt mich nicht. Es ist durchaus möglich, dass sich dieser Eindruck an der Front wieder ändert, wenn ich das Gefühl habe, gebraucht zu werden, dass ich Trost spende, dass ich Mut gebe. Momentan fühle ich mich wie ein überflüssiger Mensch, wie ein Faulenzer. Ich versichere dir, dass ich hundertmal lieber Granaten werfen oder ein Maschinengewehr bedienen würde, als so überflüssig zu sein. Das, was ich dir jetzt sage, ist vielleicht nicht sehr orthodox – und doch glaube ich, dass es im Kern wahr ist: Es scheint mir, dass ich so auch mehr Priester wäre. Ist nicht der Priester der, der die Last des Lebens mit allem drum und dran tragen und an seinem Beispiel zeigen muss, wie man menschliche Arbeit und Liebe zu Gott vereinen kann?
All das sage ich dir, weil ich das Bedürfnis habe, es jemandem mitzuteilen. Denk jedoch nicht, dass ich niedergeschlagen oder aufgewühlt bin. Der Gedanke, dass wir Gott gehören, egal wie ungeschickt wir ihm dienen, bietet vollkommenen Trost…
(Pierre Teilhard de Chardin SJ /1881–1955/, Brief von der Front, an eine Cousine, 15. Februar 1917;
zitiert nach dem Buch Pierre Teilhard de Chardin, Die Geburt des Denkens. Briefe 1914–1919, 2021)