Titus Brandsma (1881–1942)
Wir müssen Gott zunächst als das tiefste Fundament unseres Seins wahrnehmen, das im tiefsten Inneren unserer Natur verborgen ist, aber dennoch gesehen und betrachtet werden kann. Dieses Fundament können wir mit unserem Verstand klar erkennen, und wenn wir es uns regelmäßig ins Gedächtnis rufen, werden wir es intuitiv immer vor Augen haben und dann werden wir Gott nicht nur in unserem eigenen Inneren anbeten, sondern ebenso in der Essenz aller Geschöpfe, in den Menschen, in der Natur, im Universum – allgegenwärtig und alles durchdringend, das Werk seiner Hände.
Das Verweilen und Wirken Gottes in uns soll nicht nur Gegenstand intuitiven Erkennens sein, sondern es muss sich in unserem Leben, in unseren Worten und Taten manifestieren, es soll von unserem ganzen Wesen und unserem Auftreten ausstrahlen. ... Kaum etwas macht den Begriff Gottes so kostbar und anziehend, wie die Vorstellung, dass Gott in uns wohnt, dass wir ihn in uns entdecken dürfen und beobachten können, dass er in allem, was uns umgibt, verweilt und dass in unserem ganzen Leben das göttliche Verweilen in unserem Inneren leuchten kann.
Der menschliche Geist – trotz großer Fortschritte – bleibt in vielen Bereichen schrecklich blind, sodass er Gott nicht mehr sehen kann. Diese Blindheit bedeutet jedoch nicht völlige Blindheit. Sie ergibt sich zwar weitgehend aus einer 'kranken' Mentalität, die den Blick trübt, doch frage ich mich, ob das 'Objekt', das wir zu sehen verlangen, nicht in ausreichendem Licht 'präsentiert' wurde und ob wir nicht versuchen sollten, es so 'zu beleuchten' und 'auszustellen', dass selbst derjenige, dessen Blick gestört und blind ist, es sehen kann. Das Bild Gottes ist so reichhaltig und aus so vielen Perspektiven zu betrachten, dass wir uns sehr davor hüten müssen, uns nur auf das 'Alte' zu stützen und nur traditionelle Vorstellungen zu verkünden. Die neue Zeit braucht neue Wege.
(Titus Brandsma, Engagierte Mystik, 61nn. 36n)