Ich war dir nie so nahe.

Wir leben in einer Welt, in der wir dem Leiden nicht entkommen können... Wenn wir uns dem, was wir nicht vermeiden können, nicht stellen wollen, zeugt das von einer Missachtung des tatsächlichen Zustands der Dinge. Wenn wir das Leiden nicht ertragen wollen und uns ihm widersetzen, mag das auf einen Moment den Eindruck von Stärke erwecken, aber Respekt empfinden wir in der Regel nur vor dem, der das Leiden wirklich heldenhaft, mit Hingabe und Liebe trägt.

Wie würde die Welt aussehen, wenn die Vergeltungsrufe verstummten und das Klagen aufhörte... Die Liebe würde mehr Leiden lindern und beseitigen, als alle Widerstände und Aufstände der Welt vertreiben könnten. Ich weiß nicht, ob die heutige Welt nicht drängender Männer und Frauen braucht, die den Mut, die Hingabe und die Liebe haben, das Leiden unserer Zeit zu tragen.

Jesus litt. Jesus, unser Gott, der für uns Mensch wurde.
In der Nacht vor seinem Leiden bat er den Vater, dass alle eins seien, eins mit ihm.
Er nannte sich das Haupt des mystischen Körpers, dessen Glieder wir sind. Er ist der Weinstock, wir sind die Reben. Er selbst stellte sich in die Kelter und trat sie selbst (1). Und er gab uns Wein, damit wir ihn trinken und so leben wie er und an seinem Leiden teilhaben. Wer mir nachfolgen will, der nehme täglich sein Kreuz auf sich. Wer mir nachfolgt, hat das Licht des Lebens. Ich bin der Weg, sagte er. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit ihr tut, was ich getan habe. Und als die Jünger nicht verstanden, dass sein Weg der Weg des Leidens sein musste..., sagte er zur Erklärung: Musste Christus nicht so leiden, um in seine Herrlichkeit einzutreten?
Wo ist also unser Wunsch, zusammen mit ihm zu leiden? Wenn er uns den Kelch seines Leidens reicht, wehren wir uns. Es fällt uns schwer, das Leiden anzunehmen, uns darüber zu freuen erscheint uns wie ein Heldentum; nach dem Kreuz zu streben, scheint uns fast unmöglich. Nichts anderes zu wollen, als zu leiden und verachtet zu werden... die Welt nennt das Wahnsinn...

O Jesus, wenn ich auf Dich schaue,
erblüht in mir die Liebe zu Dir,
und auch Dein Herz liebt mich
wie seinen besonders vertrauten Freund.

Es wird zwar mehr Mut von mir verlangt, zu leiden,
aber ich nehme jedes Leiden gern an,
weil es mich Dir ähnlich macht
und das ist der Weg in Dein Reich.

Ich bin glücklich in meinem Leiden,
denn ich betrachte es nicht mehr als Leiden,
sondern als auserwählten Anteil,
der mich mit Dir verbindet, o Gott.

Denn Du, o Jesus, bist bei mir,
nie war ich Dir so nahe.
Bleibe bei mir, süßer Jesus,
Deine Gegenwart macht alles gut. (2)

(1) Siehe Jes 63,2;
(2) Dieses Gebet schrieb Titus Brandsma am 12.–13. Februar 1942 im Gefängnis in Scheveningen.

Entnommen aus dem Buch: Titus Brandsma, Engagierte Mystik
Herausgegeben von: Bonifatius-Verlag Paderborn, 1991
Übersetzt von: Norbert Žuška, O.Carm.