Mein liebes Kind,
Ich habe die Möglichkeit, auf beide Ihre lieben Briefe vom 15. und 28. Februar zu antworten, die gleichzeitig eingetroffen sind. Es macht mich unglücklich, dass ich Ihnen materiell nicht weiterhelfen kann. Diese armen Schokoladensendungen sind jetzt verboten, und uns hier fehlt es an nichts: weder an Essen noch an Kohle. Ach, wenn ich Ihnen irgendwie nützlich sein könnte! Von ganzem Herzen wünsche ich mir, Sie hier oder in Italien zu haben, wo ich Ihnen etwas schicken könnte. Alle diese Dämme, die durch die Grausamkeit der Menschen errichtet wurden, kann jetzt nur noch die Liebe des Erlösers überwinden.
Ich bitte ihn eindringlich um Sie mit aller Kraft meines armen Herzens. Ich bitte ihn, Ihr Herz mit Strahlen zu erfüllen. Und eigentlich beneide ich Sie, liebes Kind. Ich möchte mit Ihnen in diesem kleinen Häuschen sein und Jesus den Kranken bringen, wie ich das vor zwei Jahren in L. gemacht habe, und Ihr gemeinsames Leiden ertragen. Es ist nicht möglich, dass Gott solche Prüfungen sendet, ohne den Seelen Heiligkeit zu bringen. Es zwingt zu den großen Akten des Glaubens und der Liebe, die dazu führen, dass die Seelen im Ozean der göttlichen Dunkelheit verloren gehen. „Et nox illuminatio mea.“ Ach, liebes Kind, als ich in L. die polnische Kirche sah, bewunderte ich sie, ich war bis ins Innerste meines Herzens berührt und werde diesen Anblick nie vergessen. Aber die Kirche in Polen war nie so rein, so heilig, so strahlend wie jetzt. All das leidvolle, mit Glauben angenommene Leiden, dieser Heldentum der Liebe, der es ermöglicht, Hunger und Kälte ohne Fluchen zu ertragen, all das, woraus die Heiligen wuchsen, all das ist euch gegeben. Und all das Leiden des Herzens, gestört und vom Kummer betroffene Familien, all das, was man, liebes Kind, niemals selbst wählen würde, weil man sich nicht trauen würde, weil es Eitelkeit wäre, siehe, all das hat euch Jesus angeboten, um euch wunderlich sich ähnlich zu machen. Ich erinnere mich an Ihre gütigen Eltern, die sicherlich nicht dachten, dass solche Wunden auf ihr Herz fallen würden, bevor sie diese Welt verlassen, ich bete sehr eifrig für sie. Ich erinnere mich an die Mutter, mit der ich so gerne über die Kirche gesprochen habe. Sie verstand sie so tief und so klar, weil ihr Herz mit Liebe erfüllt war. Ich erinnere mich an Sie, liebes Kind, Sie haben immer das größte Opfer gesucht, und siehe, es kam Ihnen entgegen. Ich wünschte, ich könnte euch alle aus dieser Prüfung befreien, ich wünschte, dass Sie nach Schweiz oder Italien gelangen könnten, aber im Grunde beneide ich Sie um diese Zeiten. Ich bin neidisch, dass Gott Sie für würdig erachtet hat, diese großen Dinge zu erleben, während mein Leben nur aus Mühen besteht. Verstehen Sie, liebes Kind, was ich in meinem Herzen habe, wenn ich bei der Wandlung die Hostie über die Welt hebe, und was ich im Herzen trage, wenn ich nach Bourguillon zur Jungfrau Maria gehe, wo es mir scheint, als würde ich die polnische Jungfrau Maria treffen, die wir abends bei den Litaneien angerufen haben. Von ganzem Herzen segne ich Sie, mein Kind. Ich hoffe so sehr, dass mir wieder vergönnt sein wird, die geliebten Gesichter von euch allen zu sehen! Möge Jesus euch mit seiner Liebe berauschen und euch geben, dass sein ganzes Himmel auf eure Qualen herabsteigt!
abbé J.
(kard. Charles Journet /1891–1975/, Brief nach besetztem Polen, 29. März 1940)