Selten war ich so glücklich und zufrieden.

Die folgenden Texte wurden von Titus Brandsma (1881–1942) nach seiner Verhaftung am 19. Januar 1942 im Gefängnis von Scheveningen, in Zelle Nr. 577, verfasst.

Hier, in dieser kahlen Zelle, muss etwas sprechen! Vor mir habe ich einen kleinen Altar aufgebaut, oder wie auch immer man es nennen mag. In meiner Zelle lag ein Schachbrett mit Steinen für das Dame-Spiel... Zudem gab es hier ein Blatt Geschenkpapier. Damit habe ich das Schachbrett eingewickelt und mit einer Zigarre– man muss sich behelfen, das Messer und die Schere wurden mir abgenommen – habe ich kleine Ritzungen in das Papier gemacht, zwischen die ich drei kleine Bilder aus meinem Brevier gesteckt habe. So habe ich direkt vor mir das Bild Jesu am Kreuz, nicht ganz, aber doch eine schöne Büste mit einer Wunde im Herzen. Daneben, auf einer Seite, habe ich die hl. Therese (von Avila) mit ihrem Spruch mori aut pati (sterben oder leiden); auf der anderen Seite dann den hl. Johannes vom Kreuz mit seinem pati et contemni (leiden und verachtet werden). Ich fand noch zwei Nadeln; eine habe ich verwendet, um unter diesen drei Darstellungen ein Papier quer zu befestigen, auf dem Therese's Spruch stand: Nada te turbe (nichts lasse dich beunruhigen) usw., in der Mitte: Gott so nah und doch weit weg, Gott ist immer gegenwärtig und schließlich mein eigener Spruch: Prenez les jours comme ils arrivent (nehmt die Tage, wie sie kommen) usw. Ich hatte im Brevier kein lose eingelegtes Bild der Jungfrau Maria, aber auch ihr Bild gehört in die Zelle eines Karmeliten. Auch damit konnte ich mich behelfen. Im Teil des Breviers, den wir gerade verwenden und der mir glücklicherweise gelassen wurde, ist am Anfang eine wunderschöne Darstellung der Muttergottes vom Karmel von Anna Maria von Oer. Mein Brevier steht weit geöffnet auf dieser Darstellung auf einem der beiden oberen Eckbrettchen links über dem Bett. Es genügt, wenn ich kurz von meinem Tisch nach rechts schaue, und ich habe ihre schöne Darstellung vor mir. Wenn ich auf dem Bett liege, fällt mein Blick zuerst auf diese Trägerin der Sterne, Spes omnium Carmelitarum (Hoffnung aller Karmeliten).

Zelle im Gefängnis von Scheveningen Beata Solitudo (selige Einsamkeit). In dieser kleinen Zelle fühle ich mich bereits ganz zu Hause. Ich habe mich hier noch nie gelangweilt. Ich bin allein, das stimmt, aber der gute Gott war mir noch nie so nah. Auch wenn ich nicht zu den Menschen hinausgehen kann und die Menschen nicht zu mir kommen können, habe ich Lust, vor Freude zu schreien, denn er hat sich mir wieder in seiner Fülle offenbart. Er ist jetzt mein einziger Zufluchtsort und ich fühle mich glücklich und geborgen. Ich möchte hier für immer bleiben, solange er es so anordnet. Selten war ich so glücklich und zufrieden.

(1) Das gesamte Gedicht von Therese, aus dem der Spruch entnommen ist, lautet:
Nichts lasse dich beunruhigen,
nichts lasse dich erschrecken,
alles vergeht.
Gott ändert sich nicht,
Geduld
errreicht alles.
Wer Gott hat,
dem fehlt nichts.
Gott allein genügt.

Entnommen aus dem Buch: Grundkurs Spiritualität des Karmel
Autor: Elisabeth Hense, TOCarm.
Übersetzt und bearbeitet von: Norbert Žuška, O.Carm.