(Bearbeitet von P. Gorazd, O.Carm.)
In der vorletzten Ausgabe unserer Zeitschrift haben wir einen Artikel veröffentlicht, in dem es um die Gottesmutter Maria – die Mutter der Hoffnung geht, zusammen mit einer Abbildung der gleichnamigen Ikone. Beides hing mit dem Pilgeranlass junger Menschen nach Rom zusammen, die in diesem Jahr von dem Orden der Karmeliten (O.Carm.) organisiert wurde. Erst nachträglich habe ich festgestellt, dass dieser Blick auf die Gottesmutter wahrscheinlich bewusst, auch wenn es nicht ausdrücklich erwähnt wurde, aus dem Ende eines päpstlichen Dokuments übernommen wurde, das am 28. Juni 2003 von Johannes Paul II. veröffentlicht wurde, am Vorabend des Festes der heiligen Apostel Petrus und Paulus, im 25. Jahr seines Pontifikats, und dessen voller Titel lautet: Apostolische Ermahnung Ecclesia in Europa über Jesus Christus, der in seiner Kirche lebt, die Quelle der Hoffnung für Europa.1
Es ist daher nicht nur angebracht, diese Inspirationsquelle zu nennen, sondern gleichzeitig wird es für uns zweifellos auch von Nutzen sein, uns wenigstens an das Ende des genannten Dokuments und das dort enthaltene Gebet an die Gottesmutter – die Mutter der Hoffnung – zu erinnern.
Die Hingabe an Maria
„Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, bekleidet mit der Sonne“ (Offb 12,1)
Die Frau, der Drache und das Kind
122. Die gesamte Geschichte der Kirche wird von „Zeichen“ begleitet, die vor den Augen aller stehen, aber interpretiert werden müssen. Unter diesen Zeichen stellt das Buch der Offenbarung „ein großes Zeichen“ heraus, das am Himmel erschien und von dem Kampf einer Frau mit dem Drachen berichtet. Die Frau, die mit der Sonne bekleidet ist und in Wehen liegt (vgl. Offb 12,1–2), kann als Israel verstanden werden, das den Messias gebärt, „den, der alle Völker mit eisernem Stab regieren wird“ (Offb 12,5; vgl. Ps 2,9). Aber sie ist auch die Kirche, das Volk des Neuen Bundes, das Verfolgungen ausgesetzt ist und dennoch von Gott beschützt wird. Der Drache ist „die alte Schlange, genannt Teufel und Satan, der die ganze Erde verführt“ (Offb 12,9). Der Kampf ist ungleich: Es scheint, als hätte der Drache die Oberhand, so groß ist sein Hochmut gegenüber der wehrlosen und leidenden Frau. In Wirklichkeit überwindet der Sohn, den die Frau geboren hat. In diesem Kampf ist eines sicher: Der Drache wurde bereits besiegt, „er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm hinabgeworfen“ (Offb 12,9). Christus, Gott, der Mensch wurde, besiegte ihn durch seinen Tod und seine Auferstehung, und die Märtyrer „durch das Blut des Lammes und durch das Wort ihres Zeugnisses“ (Offb 12,11). Und auch wenn der Drache seinen Widerstand fortsetzen wird, braucht man sich nicht zu fürchten, denn seine Niederlage ist bereits vollzogen.
123. Diese Gewissheit erfüllt die Kirche auf ihrem Weg, wenn sie in der Frau und dem Drachen ihre eigene Geschichte wiedererkennt. Die Frau, die einen Sohn gebärt, erinnert uns an die Gottesmutter Maria, besonders in dem Moment, als sie erschüttert von Schmerz am Fuße des Kreuzes ist, als sie den Sohn als Sieger über den Fürsten dieser Welt erneut gebärt. Sie wird Johannes anvertraut, und er wird dann ihr anvertraut (vgl. Joh 19,26–27), sodass Maria zur Mutter der Kirche wird. Dank des Bandes, das Maria mit der Kirche und die Kirche mit Maria verbindet, wird das Geheimnis der Frau klarer: „Maria ist in der Kirche als Mutter des Erlösers gegenwärtig und hat mütterlichen Anteil am ‚intensiven Kampf gegen die Mächte der Finsternis‘“, der sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht.
Und in diesem Identitätsbezug der Kirche mit „der Frau, die mit der Sonne bekleidet ist“ (Offb 12,1), kann gesagt werden, dass „die Kirche in der seligen Jungfrau zur Vollkommenheit ohne Flecken und Runzel gelangt ist“.2
124. Die gesamte Kirche blickt also auf Maria. Durch die sehr zahlreichen Marienheiligtümer, die über alle Nationen dieses Kontinents verteilt sind, ist die Verehrung Mariens in den europäischen Völkern sehr lebendig und weit verbreitet.
Die Kirche in Europa, möge weiterhin Maria betrachten und erkennen, dass sie „mütterlich gegenwärtig und voll an den vielfältigen und schweren Problemen, die das Leben der Einzelnen, Familien und Nationen heute erfüllen, teilhat. Sieh in ihr die Helferin des christlichen Volkes im unablässigen Kampf zwischen Gut und Böse, damit das Volk nicht ‚fällt‘, oder wenn es fällt, dass es ‚wieder aufsteht‘“.3
Gebet an Maria, die Mutter der Hoffnung
125. In dieser Betrachtung, genährt durch reine Liebe, erscheint uns Maria als Bild der Kirche, die in der Hoffnung lebt und das rettende und barmherzige Werk Gottes erkennt, in dessen Licht sie ihren eigenen Weg und die gesamte Geschichte aufspürt. Maria hilft uns auch heute, das Geschehen um uns im Bezug auf ihren Sohn Jesus zu verstehen. Maria ist die neue Schöpfung, die durch den Heiligen Geist gebildet wurde, und lässt in uns die Tugend der Hoffnung wachsen.
Wenden wir uns mit Vertrauen in unser Gebet an sie, die Mutter der Hoffnung und des Trostes, übergeben wir ihr die Zukunft der Kirche in Europa und alle Frauen und Männer dieses Kontinents:
Maria, Mutter der Hoffnung,
gehe mit uns!
Lehre uns, den lebendigen Gott zu verkünden,
hilf uns, Zeugen Jesu, des einzigen Retters, zu sein,
mach uns bereit, den Nächsten zu dienen,
die Bedürftigen aufzunehmen,
uns für Gerechtigkeit einzusetzen,
mit Begeisterung eine gerechtere Welt aufzubauen;
tritt für uns ein, die wir in der Geschichte arbeiten
im Vertrauen darauf, dass der Plan des Vaters erfüllt wird;
Morgenröte einer neuen Welt,
zeige, dass du die Mutter der Hoffnung bist, und wache über uns;
wache über der Kirche in Europa:
damit durch sie das Evangelium strahle;
damit sie ein authentischer Ort der Gemeinschaft sei;
damit ihre Mission, das Evangelium der Hoffnung zu verkünden und zu feiern,
und ihm zu dienen für den Frieden und die Freude aller, lebendig sei.
Königin des Friedens, beschütze die Menschheit des dritten Jahrtausends!
Wache über allen Christen:
damit sie mit Vertrauen auf dem Weg der Einheit fortfahren
wie der Sauerteig zur Einigkeit des Kontinents.
Wache über die Jugendlichen, die Hoffnung der Zukunft:
mögen sie großzügig auf Jesu Ruf antworten.
Wache über den verantwortlichen Vertretern der Nationen:
mögen sie sich für den Aufbau eines gemeinsamen „Hauses“ einsetzen,
in dem die Würde und das Recht jedes Einzelnen respektiert werden.
Maria, gib uns Jesus!
Lass uns ihn folgen und lieben!
Er ist die Hoffnung der Kirche, Europas und der Menschheit.
Er lebt mit uns, zwischen uns, in seiner Kirche.
Mit dir bitten wir:
„Komm, Herr Jesus!“ (Offb 22,20.)
Möge die Hoffnung auf die Herrlichkeit, die du in unsere Herzen eingegeben hast,
Früchte der Gerechtigkeit und des Friedens bringen!

Wunderschönes Bild der Gottesmutter vom Altar in der Chorkapelle des Karmeliterklosters in Straubing, Bayern. Hier wird die Gottesmutter zwar nicht als die Mutter der Hoffnung dargestellt, aber – wie der Aufschrift auf dem Bild lautet – als die Freude der Karmeliten. Und das ist ein Name, der Hoffnung gibt und das Herz erwärmt...