Gott ahmt die Gesten einer gewissen Frau nach.

Bei einem Festmahl im Haus des Pharisäers Simon findet eine überraschend konfliktbeladene Szene statt: hier wird frommer Mensch mit Prostituierter, mächtiger Mann mit namenloser Frau, Gesetz mit Duft, Regel mit Liebe verglichen. Schwester Maria aus dem Franziskanerkloster in Campello sul Clitunno sagte zu ihren Schwestern: „Verlasst die Regel, wann immer sie im Widerspruch zur Liebe steht. Unsere einzige Regel ist die Liebe.“ Nur das Evangelium kann einen so unerwarteten Konflikt präsentieren, in dem der Duft, die Prostituierte, die Zärtlichkeit gewinnt. (…)
Jesus, der die Erregung, die diese Frau in ihm ausgelöst hat, mitnimmt, wird es nicht vergessen: beim letzten Abendmahl wird er die Geste jener unbekannten und verliebten Sünderin wiederholen – er wird seinen Jüngern die Füße waschen und sie abtrocknen. Es liegt etwas Großartiges und Rührendes darin: Gott ahmt die Gesten einer gewissen Frau nach.

(Ermes Ronchi /*1947/, Schlüsselthemen des Evangeliums,
Meditationen, die bei den Exerzitien für Papst Franziskus und die römische Kurie gehalten wurden, 2016)