Wort der Hoffnung und des Heils
(Konstitutionen der Orden, Art. 24)
Wir, die karmelitischen Brüder, die aus der ganzen Welt stammen und uns in der Generalversammlung im Haus Il Carmelo in Sassone, Italien, vom 3. bis 20. September 2013 versammelt haben, wünschen Ihnen, unseren Brüdern und Schwestern aus der Familie des Karmels, Gnade und Frieden von Gott, unserem Vater, und von unserem Herrn Jesus Christus.
1. Wir glauben, dass die schöpferische Liebe Gottes, die sich auf endgültige Weise in Jesus Christus, dem fleischgewordenen Wort, offenbart hat, uns zu einer ständigen Wandlung durch die Kraft des Heiligen Geistes aufruft. Den Weg der Veränderung im Licht des Glaubens zu gehen, erfordert persönliche sowie gemeinschaftliche Begegnungen mit Christus, der die Quelle unserer Hoffnung und unseres Heils ist.
2. In Vorträgen, Überlegungen und in der Arbeit in Gruppen haben wir uns während der Tagung an die wichtigen Herausforderungen erinnert, denen wir uns stellen müssen. Nun erinnern wir Sie, liebe Brüder und liebe Schwestern, auch an diese. Dazu gehört das Bedürfnis, die heutige Welt zu verstehen, die Zeichen unserer Zeit gut zu unterscheiden und in der Gnade und Weisheit zu handeln, wie es die unterschiedlichen Umstände erfordern, in denen wir uns befinden. Um dort, wo wir leben, Hoffnung anzubieten, sind wir aufgerufen, Brüder und Schwestern zu sein, die in der Erfahrung Gottes verwurzelt sind, Brüder und Schwestern, die voller Glauben, Hoffnung und Liebe sind. Um Hoffnung zu tragen, müssen wir aufmerksam und offen für die Welt und das Wort Gottes sein.
3. Die Zeichen der Zeit unterscheiden
Wir leben in einer Zeit des schnellen Wandels, in der sich die Welt ständig verändert. Wir sind uns bewusst, dass in den Händen der Menschen sowohl positive als auch negative Faktoren liegen. Was wir in der Realität um uns herum beobachten, wahrnehmen und erkennen, verlangt von uns Antworten, die aus einer tiefen Unterscheidung der Zeichen der Zeit hervorgehen, die im Licht des Evangeliums interpretiert werden (1). Die Situation der Welt gibt uns die Gelegenheit, neue Formen der Anwesenheit, Begleitung, des Dialogs und des Handelns zu entwickeln, inspiriert durch unser Christsein und unser karmelitisches Ordensleben. Wir fühlen uns berufen, mit den Menschen von heute in ihrem Empfinden von Wurzelverlust, Abhängigkeit, Isolation, Aktivismus und spiritueller Leere zu gehen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn wir selbst in der Einheit mit Christus verwurzelt sind und wenn wir ein Herz und eine Seele in lebendigen Gemeinschaften sind.
4. In Antwort auf die Welt handeln
Wir sind uns bewusst, dass wir zahlenmäßig ein kleiner Orden sind. Dennoch haben wir eine reiche spirituelle Tradition und Geschichte, die mehr als 800 Jahre zurückreicht, seit wir von St. Albert dem Großen, dessen 800. Todestag wir gedenken, unsere Regel erhalten haben. Besonders an Tagen, an denen wir (im Rahmen dieser Generalversammlung) mit Mitgliedern anderer Zweige der karmelitischen Familie zusammenkamen, haben wir erfahren, dass es viele Nonnen, Ordensschwestern, Einsiedler und Laien gibt, die unsere Spiritualität teilen. Wir fühlen uns ermutigt, klare und nachhaltige Antworten auf die Herausforderungen, die die Menschen um uns herum belasten, zu geben. Unser Austausch hat uns ermutigt, uns vom Rest der Welt abzugrenzen und zu streben nach:
a. Menschen des Gebets zu sein
Papst Benedikt XVI. sagte: „Ihr Karmelitánier lehrt uns zu beten.“ Papst Franziskus forderte uns auf, den Wert des Gebets tiefer zu erkennen: „Ihr definiert euch selbst als kontemplative Gemeinschaft mitten unter den Menschen. ... Das Gebet ist der ‚königliche Weg‘, der uns die Tiefen des Geheimnisses Gottes, des Einen in der Dreifaltigkeit, öffnet, ist aber auch der notwendige Weg, der sich inmitten des Volkes Gottes auf seiner Wanderung durch die Welt ins verheißene Land schlängelt.“ (2) Unser Orden wird zu Recht als Schule der Kontemplation angesehen. Der sel. Titus Brandsma erinnert uns daran: „Gott ist uns so nah! Alles Lebendige existiert durch sein Werk und seine Gegenwart. Wir sollten seine Gegenwart wahrnehmen und von unseren Vorfahren lernen, wie sie ihre innige Beziehung zu ihm lebten, wie sie mit ihm sprachen und ihm zuhörten. Dann wird unser Leben ganz anders aussehen.“ (3) Aus unserer Lebensweise sollten andere erkennen, dass jeder Karmel ein Ort ist, an dem Gott im Schweigen und in der Einsamkeit gesucht wird. Wir fühlen uns berufen, eine Gebetsgemeinschaft zu bilden, deren Hauptdienst darin besteht, den Menschen zu lehren, wie sie dort beten, wo sie sind und wo sie arbeiten, eine Kultur des Gebets zu schaffen – durch unsere Predigt, die achtsame und kontemplative Feier der Liturgie, das Praktizieren von Lectio Divina und die Achtsamkeit für andere Formen des Gebets. Lassen Sie uns in dieser Hinsicht die Klöster der Nonnen unseres Ordens schätzen und stolz auf sie sein, denn sie erinnern uns ständig an den Wert des Gebets und des Suchens nach Gott.
b. Gemeinschaft leben
Wir bemühen uns, solche karmelitischen Gemeinschaften zu schaffen, die Orte der Begegnung mit Christus und mit Brüdern und Schwestern sind, Gemeinschaften des Vertrauens, der Freundschaft, der Gegenseitigkeit, der Gastfreundschaft, der Zusammenarbeit und des Teilens von Verantwortung. Wir erinnern uns daran, dass ein gesundes Gleichgewicht zwischen Gebet und Brüderlichkeit sich in Sanftmut und Mitgefühl ausdrückt. Die Verbindung von Gebet und prophetischem Auftrag führt zu authentischerer Umkehr, und die Einheit von prophetischem Auftrag und Brüderlichkeit führt zur Solidarität mit den Menschen. Daher ist es notwendig, dass wir unser persönliches Bestreben erneuern, eine Gemeinschaft des Gebets und der Kontemplation im Dienst der Kirche und der Welt zu sein. Wir erinnern uns daran, dass notwendige Elemente für den Aufbau solcher Gemeinschaften sind: Präsenz bei gemeinsamen Aktivitäten der Gemeinschaft – bei der Liturgie, bei den gemeinschaftlichen Zusammenkünften, beim gemeinsamen Essen, bei Bruder- und Schwestern-Treffen – und ein gesundes Gleichgewicht zwischen Einsamkeit und Aktivität.
c. Berufungen und die anfängliche sowie ständige Formation unterstützen
Wir fordern alle Karmelitánier, Einzelpersonen und Gemeinschaften, auf, die Verantwortung für die Unterstützung von Berufungen zu übernehmen durch: authentisches und freudiges Zeugnis des karmelitischen Lebensstils, Interesse an der Jugendpastoral, Teilnahme an Projekten zur allgemeinen Unterstützung von Berufungen, Zusammenarbeit mit den Brüdern, die mit der Unterstützung neuer Berufungen für einzelne Gemeinschaften, Provinzen, Diözesen oder aus anderen Orden beauftragt sind. Mit der Annahme eines Kandidaten im Ausbildungsprozess beginnt die menschliche, intellektuelle, geistliche und pastorale Bildung, die ein Leben lang andauert. Wir bitten, dass geeignete Kandidaten zu höheren Studien geschickt werden, die mit unserem Charisma verbunden sind.
d. Fortwährend besser unterscheiden lernen
Unterscheidung ist eine tiefe christliche und karmelitische Wertschätzung. Um unsere Gemeinschaften zu Orten der Annahme zu machen, müssen wir unser Bemühen um Schweigen, Zuhören und Unterscheidung des Willens Gottes in den Ereignissen unseres täglichen Lebens und in den Begegnungen mit den Menschen, denen wir begegnen, erneuern. Wir sind uns des Gefühls der Zerrissenheit und Zerstreuung bewusst, das viele Menschen empfinden, und deshalb betonen wir die Notwendigkeit, ein Gleichgewicht in uns selbst und bei anderen zu kultivieren: ein Gleichgewicht zwischen Individualität und Gemeinschaft, zwischen Stille – Einsamkeit und Sprechen, zwischen Gebet und Apostolat, zwischen Mystik und sozialer Arbeit. Gemeinschaftliche Zusammenkünfte sind ein gutes Instrument zur praktischen Umsetzung einer solchen Unterscheidung. (4)
e. Richtig entscheiden
Um dort, wo wir sind, gut zu wirken, ist es erforderlich, dass wir in allen Ebenen unserer Ordensstrukturen Glaubwürdigkeit, Zuhören, Entschlossenheit und Dienst unterstützen. Wir sind uns bewusst, dass wir in einigen Bereichen schrumpfen und in anderen Bereichen unser Wachstum erfahren, weshalb wir schwierige Entscheidungen treffen müssen. Welche Entscheidungen auch immer getroffen werden, ihr Prinzip muss stets die Treue zu Christus, die Übereinstimmung mit dem Charisma des Ordens und die Unterscheidung der Zeichen der Zeit sein.
f. Unser Charisma missionarisch leben
Unsere Mission ist es, unser Charisma zu leben. Das Herz unseres Zeugnisses liegt im Verwirklichen der kontemplativen Dimension des Ordens, indem wir sie leben, pflegen und weitergeben (5). Wir bezeugen das Wirken des Evangeliums durch die Veränderung unseres eigenen Lebens, aber auch durch den Dialog mit den Armen, mit unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Systemen. Die Menschen werden sich zu Christus hingezogen fühlen, wenn sie sehen, dass unser Leben auf dem Evangelium der Einfachheit und der Solidarität mit den Randständigen basiert, wenn wir die Schöpfung und die Einheit in der Vielfalt unter Bedingungen feiern, die gesund für die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen sind, denen wir dienen. So können wir auf unsere Weise zur neuen Evangelisierung beitragen, zu der die Kirche uns ständig aufruft.
5. Lebendige Hoffnung haben
Die aktuelle Situation unserer Welt ist kein Grund zur Hoffnungslosigkeit. Was die Menschheit erlebt, gibt uns die Gelegenheit, zu zeigen, wer wir sind. Als würde die Welt uns sagen: „Seid ihr, Karmelitánier, zu etwas fähig, kann man mit euch noch rechnen?“ Lasst uns also aufstehen und uns als authentische und glaubwürdige Zeugen des Geistes zeigen. Durch unsere Annahme als Söhne und Töchter des Vaters, durch unseren Glauben an Christus, durch die Kraft des Heiligen Geistes können wir in dieser Herausforderung viele versteckte Gelegenheiten entdecken. Jesus Christus ist das Wort der Hoffnung und des Heils, und deshalb hoffen wir, dass wir durch unsere Lebensweise etwas verändern können, sowohl in unseren Gemeinschaften als auch in den Orten, wo wir leben.
Mit Maria, unserem Vorbild und unserer Inspiration, und mit dem Propheten Elia, der in der Gegenwart Gottes stand, wollen wir lernen, in der Hoffnung auf das Heil zu warten, das nur vom Herrn kommt. Lassen wir uns auf unserem Weg in die Zukunft von ihrer Hilfe und Führung leiten.
(1) Der Fokus auf das Beobachten der Zeichen der Zeit (vgl. Mt 16,3) und das Beurteilen dieser im Licht des Evangeliums wurde vom Zweiten Vatikanum in der Konstitution Freude und Hoffnung, Art. 4, betont. (Anm. d. Red.)
(2) Brief von Papst Franziskus an den Generalprior P. Fernand Millán Romeral anlässlich der Generalversammlung.
(3) Titus Brandsma, Fragmenten. In Mystiek Leven. Herausgeber: Bruno Borchert, Gottmer, Nijmegen, 1985, 159.
(4) Karmeliterregel, Art. 10 und 15.
(5) Brief von Papst Franziskus an den Generalprior P. Fernand Millán Romeral anlässlich der Generalversammlung.
Übersetzt von: Martina Vintrová