Mein lieber Bruder, erkenne Christus, den gekreuzigten Christus.

Ich würde gerne wissen, wie es deiner Seele geht – ob sie sich bereits an ihrer eigenen Gerechtigkeit sättigte und in der Gerechtigkeit Christi einen vertrauten Ruheplatz fand. In der heutigen Zeit breitet sich das Versuchung aus, sich auf eigene Werke zu verlassen, insbesondere unter denen, die sich mit aller Kraft bemühen, gerecht und gut zu sein, aber die göttliche Gerechtigkeit nicht kennen, die uns so großzügig und ganz umsonst in Christus zuteilwurde. Daher bemühen sie sich aus eigener Kraft, Gutes zu tun, bis sie den Eindruck gewinnen, dass sie sich vor Gott als mit Tugenden und Verdiensten geschmückte Menschen stellen können, was in Wirklichkeit jedoch unmöglich ist. Auch du selbst hast diese Meinung, oder besser gesagt, diese Täuschung mit uns geteilt – und auch ich war darin gefangen, und obwohl ich immer noch gegen diesen Irrtum kämpfe, habe ich ihn noch nicht überwunden. Daher, mein lieber Bruder, erkenne Christus, und zwar den gekreuzigten Christus.

(Martin Luther, Brief an Georg Spenlein, 8. April 1516)