Jesus geht über das Wasser.

Herr, rette mich!Lebendiges Wort Gottes: Mt 14,22–33

Versuchen wir zunächst, über dieses Ereignis in einem weiteren Zusammenhang nachzudenken. Jesus hat gerade eine riesige Menge Menschen auf wunderbare Weise gesättigt. Auf die Heilungen, die einzelne Personen betrafen, folgt ein Handeln, das eine Art flächendeckende Verbreitung des Königreichs Gottes darstellt. Es sind nicht mehr die glücklichen Einzelnen, die die Macht Jesu erfahren haben, sondern „alle haben sich satt gegessen“.

Unter diesen Umständen – „sogleich danach“ – „drängte der Herr die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, während er die Volksmenge entlässt“. Es ist schon merkwürdig, dass Jesus sich die Entlassung der Menschen für sich selbst vorbehält. Die Vermehrung von Brot und Fisch konnte er den Jüngern nicht anvertrauen, aber die Entlassung der Leute sicher! Den Jüngern bleibt nichts anderes übrig, als ins Boot zu steigen und wegzufahren, wahrscheinlich ohne genaue Informationen, wann und wie der Herr sie wieder treffen wird. Aus menschlicher Sicht macht das in diesem Moment nur wenig Sinn.

Jesus weiß aber, was er tut. Er möchte den Jüngern bereits jetzt etwas von dem erleben lassen, was ihr Schicksal sein wird, nachdem er nicht mehr leiblich bei ihnen ist. Sie werden ausgesandt, um ans andere Ufer zu fahren, und Jesus – der naturgemäß gegenwärtig ist – ist nicht bei ihnen. Ihre einzige Stütze soll sein Wort... und der Glaube. Später wird sich diese Situation tatsächlich wiederholen, wenn der Herr ihnen sagt: „Geht hin zu allen Nationen, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“, und selbst geht zum Vater (vgl. Mt 28,19n).

Als die Jünger auf dem Meer sind, haben sie es schwer, müssen sich anstrengen, „denn der Wind wehte ihnen entgegen“. Auch diese Erfahrung bleibt in der Geschichte der Kirche lebendig: Anstrengung und Widerstand. Jesu Kommen am frühen Morgen „über das Wasser“ stellt gewiss keinen natürlichen Weg des Kommens dar. Auch dieses Handeln ist symbolisch, nicht praktisch. Jesus hat nie seine göttliche Macht genutzt, um sich das Leben praktisch zu erleichtern. Denken wir an seinen vierzigtägigen Aufenthalt in der Wüste, als er fastete, „bis er schließlich hungrig wurde“ (Mt 4,2), und das Angebot, Steine in Brot zu verwandeln, entschieden abgelehnt hat. Unsere gegenwärtige Situation ist ähnlich, da auch heute Jesus nicht auf natürliche Weise zu uns kommt, sein Kommen hat eine andere Ordnung.

Auf dem Boot traf der Herr damals seine Jünger in einem bestimmten Zustand: Es ist hier – verständlicherweise – Angst, denn an so eine Weise des Kommens des Herrn waren sie sicherlich nicht gewöhnt und wahrscheinlich auch nicht vorher gewarnt worden. Heute verursacht das Kommen des Herrn – z.B. in der Eucharistie – in der Regel keine Angst, und das ist in Ordnung. Wir sparen uns Jesu Worte: „Seid mutig... fürchtet euch nicht!“ Es ist die Frage, ob die Abwesenheit von Furcht nicht von einem Mangel an unserem Glauben zeugen kann. Darüber hinaus findet Jesus auf dem Boot den Glauben! Petrus „fasst Mut“ und geht auf Jesu Anweisung selbst auf das Wasser. Auch dies ist eine unzählige Male wiederholte Erfahrung der Jünger Jesu aller Zeiten – mit dem Blick auf den Herrn und in Gehorsam seinem Wort gegenüber, ist auch das möglich, was die natürlichen Kräfte und Möglichkeiten des Menschen übersteigt.

Ebenso vielfältig ist jedoch die folgende (Petrus') Erfahrung. In dem Moment, in dem ich beginne, mich mehr umzusehen, die Größe der Wellen oder andere Bedrohungen in Betracht zu ziehen und den Herrn aus den Augen verliere, gehe ich unter. Zum Glück endet der Abschnitt nicht in diesem Moment. Jesus wollte offensichtlich seinen Kandidaten für einen späteren Papst bewahren: „Sogleich streckte er die Hand aus und ergriff ihn.“ Nach jedem existentialen Ruf „Herr, rette mich!” folgt die gleiche Reaktion Jesu. Und wie oft haben uns die Worte des Herrn „Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ als Anklage unserer eigenen Kleingläubigkeit getroffen!

Der Sinn von Jesu Handeln und des ganzen Abschnitts wird aus der letzten Reaktion der Jünger deutlich: „Sie fielen vor ihm nieder und sagten: Du bist wahrhaftig der Sohn Gottes.“ Diese Worte hat der Herr ihnen nicht diktiert. Auch hat es ihnen „Fleisch und Blut“ nicht geoffenbart, sondern der Vater (vgl. Mt 16,17). Durch sein Handeln erlaubte Jesus dem Vater, seine Jünger wieder ein Stück tiefer in sein Geheimnis hinein zu ziehen. Damals, am Morgen, geschah am Genezarethsee die Anbetung des Sohn Gottes, die Anbetung Gottes. Gott wurde in einer Welt, die ihn zum großen Teil nicht kannte und nicht annahm, verherrlicht. Dasselbe kann auch heute durch mich geschehen.

(Norbert Žuška, O.Carm.)