Einen Tag wie eine Königin... den anderen wie eine Bettlerin.

Ilustrační foto

Marie Petyt (1623–1677)

Am 16. November 1672, nach dem Erwachen und dann den ganzen Tag über, fühlte ich mich wie von Gott getrennt, arm und verlassen, ohne Licht und ohne Geschmack und ohne irgendeine Möglichkeit, eine Beziehung zum Gebet zu finden oder mit auch nur ein wenig Frömmigkeit zu Gott zu gelangen. Das machte mich sehr betroffen und erfüllte mich mit Traurigkeit, und ich wusste nicht, was ich davon halten sollte und was diese plötzliche Veränderung bedeutet: Am einen Tag ermutigt und angenommen wie eine Braut oder Königin, am anderen Tag abgewehrt, aus dem königlichen Palast verstoßen wie eine arme Bettlerin, die der Geliebte nicht kennt und nicht kennen kann, ja, auf die er sogar nicht einmal einen Blick werfen will.

Diese Verwirrungen und Unsicherheiten auszuhalten, das sind für die Natur wirklich harte Prüfungen! Wie ich in diesem Zustand meine Unfähigkeit und Ohnmacht empfinde! Es sind Mittel, wie ich im Selbstverständnis vertieft werden kann! Welche »Erfindungen« des Geliebten, um mir die Verwurzelung in der tiefsten Demut zu schenken, damit ich erkenne, dass ich aus mir selbst nichts bin und nichts tun kann und nichts habe, und dass alles - wenn es überhaupt scheint, dass ich etwas bin, etwas habe und etwas kann - allein aus der Güte Gottes, aus seiner Freundlichkeit und Gnade kommt, wie, wann, wie lange und wie viel es ihm beliebt, und nicht mehr!

Als meine Seele in diese traurige und arme Verfassung »umgepflanzt« wurde, schien sie für alle möglichen Formen von Unterdrückung, Schmerz und Qual zugänglich zu sein, zugänglich für alle Versuchungen, Kreuze, für Betrübnis und Unruhe, zugänglich für alle schlechten Eingebungen und Bewegungen; während sie vorher nur für das göttliche Licht, sein Wirken im Innern, göttliche Empfindungen, den Trost des Heiligen Geistes, Bewegungen der Liebe usw. zu sein schien. Ach, was für eine Veränderung! Wie unterschiedlich sind diese Zustände! In der vorherigen Verfassung schien es, dass die Gnade meine Seele erhebt, um hoch wie ein Adler zu fliegen und die Sonne zu sehen, um in Gott zu leben wie ein himmlisches Wesen, das nichts mehr mit dem zu tun hat, was auf Erden ist. Und im folgenden Zustand fühlte ich mich wie ein Wurm, der auf der Erde kriecht, der nur in seiner eigenen Natur und in tausend fremden Gedanken lebt, in Leiden, in Zweifeln und Unruhen der Seele. Wie ein Wurm, der zerdrückt und zertreten wird, fühlte ich mich ganz machtlos und ohne Kraft, um mir selbst zu helfen.

Nachdem der Geliebte seine süße Liebe... für eine Zeit in meiner Seele Früchte trug, führte er mich wieder heraus (aus mir selbst) und vereinte mich mit sich auf einer viel höheren und reineren Stufe der (Einheit). Wenn ich darüber nachdenke und nachsinne, erwecken mir diese Veränderungen und neuen »Aufstiege« zu immer höheren Graden der Vollkommenheit und der inneren Einheit mit Gott großes Staunen. Jedes Mal, wenn der Geliebte mir eine höhere Stufe der Vollkommenheit, Reinheit und inneren Einheit mit ihm zeigt, habe ich den Eindruck, dass ich nicht weiter steigen kann und dass ich jetzt auf dem höchsten Grad stehe, auf dem der Geliebte mich haben will. Und siehe: Sobald ich mit ihm diesen Grad der Vollkommenheit, Reinheit oder Einheit einnehme und mich eine Zeitlang darin übe, beendet der Geliebte diesen Zustand plötzlich, sodass ich mich darin nicht mehr üben kann...

Dieser neue Weg und dieser neue »Aufstieg« ist so, dass mir jede frühere Geradeheit krumm erscheint, jede frühere Reinheit befleckt, jede frühere Einfachheit erscheint wie Zersplitterung und jede Abgeschiedenheit vermischt mit der Natur. Kurz gesagt: Alle meine frühere Vollkommenheit scheint kaum der Anfang der Vollkommenheit zu sein, die mir jetzt gezeigt wird und die von mir jetzt verlangt wird, nämlich die unmittelbare Einheit des Geistes mit dem göttlichen Geist. Dieser möchte die absolute »Herrschaft« über alle Kräfte der Seele, über alle Sinne und über alle Gliedmaßen des Körpers übernehmen, um in ihnen und durch sie zu leben und tätig zu sein.

Ach, was bewirkt die göttliche Liebe nicht im Menschen, in dem sie eine Wohnung gefunden hat und in dem sie wirken kann! Als ich zuvor in Gott ruhte und mit ihm in Stille und Einsamkeit, in Abgeschiedenheit und vertieft in ihn vereint war, dann geschieht diese neue Hinwendung zu ihm, das Verweilen in seinem Inneren, das Festhalten an ihm, das Schauen, das Auflösen in ihm und die Einheit mit ihm in der Liebe, die ich noch viel mehr empfinde: Es scheint, als würde der ganze Mensch sich in die Liebe verwandeln, indem er nämlich ohne Maß, ohne Grenzen, ohne Einschränkung liebt. Es sieht so aus, als würde der Geist der Liebe so auf mich einwirken, dass es keine Ähnlichkeit mehr gibt mit der Liebe, wie ich Gott bisher geliebt habe. Ja, es scheint mir, als hätte ich Gott bis jetzt in meinem Leben überhaupt nicht geliebt. Das Licht der Sonne bewirkt, dass das Licht der Sterne verschwindet; so übersteigt meine gegenwärtige Liebe alle vorhergehende Liebe, denn es scheint, dass die reine göttliche Liebe, die ich jetzt wahrnehme, Liebe ohne Vermischung mit der Natur, uns eigen ist, uns bewegt, uns leitet und in allem uns nur zu Gott führt, während wir Gott für Gott und durch Gott in allen Dingen erfahren.

Übernommen aus dem Buch: Leben aus dem Nichts
Autor: Maria Petyt
Verlag: Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach, 1995
Übersetzt von: Norbert Žuška, OCarm.