Egal wie sehr ich mich beim Beten anstrengen mochte, es war umsonst.

Das göttliche Licht war anfangs ziemlich klein, wie der Morgenanbruch, dessen Licht allmählich zunimmt...Marie Petyt (1623–1677)

Sehr lange fühlte ich mich von der Begrenztheit meiner Natur eingeengt, als wäre ich gefesselt, mit einem Knebel im Mund und an eisernen Ketten in einem engen, dunklen Gefängnis festgehalten...

ohne dass ich meine inneren Kräfte bewegen und sie auf Gott ausrichten oder mit etwas Gutem beschäftigen konnte: das Gebet und alle geistlichen Übungen widerstrebten mir so sehr, dass ich krank davon wurde, ja, dass ich mich vor den Stunden fürchtete, in denen ich beten sollte...

Nur eine einzige Stunde im Gebet zu verbringen war für mich Qual, denn es war, als müsste ich gegen den Strom schwimmen. Oft konnte ich meine Gedanken nicht sammeln und mich mit Gott beschäftigen, nicht einmal für die Dauer eines halben Ave Maria. Es schien, als erhob sich eine eiserne Wand zwischen mir und Gott. Ich fühlte mich – besonders während des Gebets – so fern von meinem Geliebten, so entfremdet, als wäre er tausend Meilen von mir entfernt; damit will ich sagen: so erlebte ich es gefühlsmäßig, denn mein Wille war ihm nie entfremdet.

Egal wie sehr ich mich im Gebet anstrengte, um mich auf Gott zu konzentrieren, es war vergebens...

Ich weiß nicht, wie ich die Zeit des Gebets verbringe. Ich beschäftige mich nicht mit Gott, aber ich lasse mich auch nicht von anderen Dingen ablenken. Es scheint, als würden die Gedanken an nichts festgehalten, weil es aussieht, als ob in mir kein Leben, keine Zuneigung, kein Verlangen nach Gott oder nach Geschöpfen wäre. Und zu mir selbst habe ich Abneigung und Widerwillen und kann mich kaum geduldig ertragen.

Dann wurde das Gebet auf eine gewisse Weise übernatürlich; es fand meist in innerm Schweigen und Verweilen in Gott statt, inspiriert durch den bloßen lebendigen Glauben an die Gegenwart Gottes. Alles grobe Bemühen und die Vielzahl innerer Kräfte fielen weg, und in mir blieb nur der schlichte Blick des Glaubens sowie eine ebenso schlichte und süße liebevolle Neigung zu Gott.

Jede andere eigene Beschäftigung langweilten und mühten mich sehr, als ob sie zu nichts anderem gut wären, als den inneren Frieden zu stören, die Klarheit des inneren Lichtes zu trüben, den Geist von der inneren Einfachheit in Spannung und Vielheit zu führen, die ihm schadet.

Wenn sich die Gelegenheit bot, mich in inneren Akten der Tugenden zu üben, tat ich dies – so gut ich konnte – in großer Stille und Einfachheit, um den Geist besser in seiner Reinheit und Reife zu bewahren, getrennt von sinnlichen und gefühlsmäßigen Einflüssen. Sehr bemühte ich mich dann, ihn so zu bewahren, als mir die göttliche Gnade diese Reife und Verfeinerung offenbarte. Das göttliche Licht war nämlich anfangs ziemlich klein, wie der Morgenanbruch, dessen Licht allmählich zunimmt.

Übernommen aus dem Buch: Leben aus dem Nichts
Autor: Maria Petyt
Verlag: Vier-Türme-Verlag Münsterschwarzach, 1995
Ausgewählt und übersetzt von: Norbert Žuška, OCarm.